Vorlesen
Julia Nacke, Diabetologin

„Die Praxis muss ein wertfreier Raum sein“

17.02.2026 Seite 51
RAE Ausgabe 3/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 3/2026

Seite 51

Julia Nacke studierte Humanmedizin in Bonn. Danach arbeitete sie ab 2017 als Assistenzärztin im Marienhospital Brühl. Nach einem humanitären Hilfsprojekt in Kamerun schloss sie ihre Weiterbildung zur Internistin am Evangelischen Krankenhaus Weyertal ab. Seit 2023 ist sie im Zentrum für Diabetologie, Endoskopie und Wundheilung Köln angestellte Ärztin. © privat
Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind.

RÄ: Frau Nacke, wie kamen Sie zur Diabetologie? Was begeistert Sie daran?
Nacke: Ich wusste schon kurz nach Beginn meiner Weiterbildung in Innerer Medizin, dass ich mich spezialisieren möchte. Mein Herz schlug allerdings nie wirklich für die sogenannten großen Fachrichtungen, wie Kardiologie oder Gastroenterologie. Die Diabetologie bietet ein vielfältiges und spannendes Krankheitsspektrum. Teilweise begleite ich Patientinnen und Patienten über Jahre, dabei entsteht eine persönliche Bindung. Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Fälle in der Praxis: die fitten mit Typ I-Diabetes und die teilweise multimorbiden Betroffenen mit den klassischen Symptomen und Folgeerkrankungen.

RÄ: Was ist das Herausfordernde an Ihrem Fach?
Nacke: Das Spannende, wie eben geschildert, ist auch das Herausfordernde. Gerade im Zusammenhang mit Typ II­Diabetes sehen wir eine zunehmende Prävalenz von Adipositas bereits in jungen Jahren. Da muss man in jedem Einzelfall schauen, wie man damit arbeitet. Interessant sind aktuell vor allem die technologischen Fortschritte im Bereich der Behandlung, die für unsere Patientinnen und Patienten enorme Erleichterungen mit sich bringen. Patienten mit Typ I-Diabetes profitieren zum Beispiel sehr von AID-Systemen zur automatisierten Insulinabgabe. Dort verbinden sich ein kontinuierliches Glukosemesssystem (CGM), eine Insulinpumpe und ein KI-unterstützter Algorithmus miteinander. Die Systeme verringern die Belastung der Patienten durch ständige Blutzuckerkontrolle deutlich, besonders nachts, und können Glukoseschwankungen erheblich reduzieren.

RÄ: Mit welchen Fällen beschäftigen Sie sich typischerweise in der Praxis?
Nacke: In der Praxis kommen wir mit der vollen Brandbreite der Diabetologie in Berührung. Wir sind zudem auf das diabetische Fußsyndrom spezialisiert. Bei uns sind alle Altersgruppen vertreten, Schwangere natürlich auch. Studien belegen, dass bereits die Hälfte der Menschen in Deutschland übergewichtig ist, sprich einen Body-Mass-Index von über 25 hat. Ein Viertel der Menschen gilt mit einem BMI über 30 als adipös. Das spiegelt sich auch in unserer Praxis wider. Manchmal verliert man in der täglichen Arbeit das Gefühl dafür, dass eine solche Körperfülle nicht gesund ist. Um unseren Patientinnen und Patienten bestmöglich helfen zu können, arbeiten wir in unserer Praxis im Team aus Ärztinnen, Ärzten sowie Diabetes- und Ernährungsberaterinnen. 

RÄ: Wie gewillt sind Ihre Patienten denn, Ihre Empfehlungen für einen gesünderen Lebensstil anzunehmen?
Nacke: Wir versuchen natürlich, unseren Patienten diverse Lebensstilmaßnahmen nahezubringen. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung sind nämlich unfassbar effektiv. Aber sie erfordern ein hohes Maß an Engagement und Willensstärke. Darüber hinaus ist die aktuelle Entwicklung von Substanzen wie den GLP-1 Rezeptoragonisten oder den dualen GLP-1/GIP-Agonisten für manche Betroffenen enorm hilfreich. Das sind aber eben auch Präparate, die nicht bei jedem Menschen gleich wirken. Da muss man sich auch die Frage stellen, wohin das unsere Gesellschaft führt, wenn diese Substanzen so allgegenwärtig und zugänglich sind. Ganz grundsätzlich muss man festhalten: Nicht jeder Mensch mit Diabetes ist gleichzeitig adipös oder hat seine Erkrankung selbst verschuldet. Das ist leider das große Stigma dieser Krankheit und mir ist sehr wichtig, dass die Praxis ein wertfreier Raum ist.

RÄ: Was sehen Sie kritisch an Ihren beruflichen Rahmenbedingungen?
Nacke: Ich würde mir wünschen, dass ich mehr Zeit für meine Patientinnen und Patienten hätte. Das wird aber zurzeit durch die Systematik unseres Vergütungssystems behindert. Zudem bräuchte es für die Patienten lebensbegleitende, multimodale Programme, um diese Erkrankungen in all ihren Facetten und mit all ihren Folgeerkrankungen bewältigen zu können. 

Das Interview führte Vassiliki Temme