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Gesundheits- und Sozialpolitik

Landarztquote: Mehr Bewerber als Studienplätze

17.02.2026 Seite 18
RAE Ausgabe 3/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 3/2026

Seite 18

Leben und arbeiten auf dem Land: Viele Studierende nach der Landarztquote erfüllen sich damit einen Traum. © Teka77/istockphoto.com

Nordrhein-Westfalen war das erste Bundesland, das eine Landarztquote einführte. Sie soll dazu beitragen, in Zukunft die hausärztliche Versorgung in strukturschwachen Regionen zu sichern. Inzwischen haben die ersten angehenden Hausärztinnen und Hausärzte ihr Studium abgeschlossen oder stehen kurz davor. Zeit für eine Zwischenbilanz

von Heike Korzilius

Timo Kurz* brennt nach wie vor für sein Medizinstudium. „Die fachlichen Themen sind spannend, und ich mag den Kontakt zu den Patientinnen und Patienten“, sagt der 35-Jährige, der zurzeit an einer Kölner Klinik sein Praktisches Jahr absolviert, im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. „Ich würde mich immer wieder für diesen Weg entscheiden.“ Auch wenn dieser nicht geradlinig verlief. Nach Abitur und Wehrdienst machte Kurz zunächst eine Ausbildung zum Intensiv-Krankenpfleger, stellte aber nach vier Jahren im Beruf fest, dass er gerne mehr machen, mehr Verantwortung übernehmen wollte. Dazu kamen der kontinuierliche Stresslevel und der Schichtdienst auf der Intensivstation, die den Entschluss reifen ließen, den Beruf zu wechseln und sich für einen Medizinstudienplatz zu bewerben. Aufgrund seiner Abiturnote musste er sich allerdings auf eine relativ lange Wartezeit einstellen. Dann erfuhr er von der Landarztquote.

Sie spricht insbesondere junge Menschen an, die sich den Traum vom Arztberuf erfüllen wollen, aber kein Spitzenabitur vorweisen können. In einem zweistufigen Bewerbungsverfahren werden die Abiturnote und der Test für Medizinische Studiengänge mit jeweils 30 Prozent gewichtet. Schwerer wiegt mit 40 Prozent, wenn die Bewerber zuvor eine Ausbildung in einem medizinischen, pflegerischen oder therapeutischen Beruf absolviert haben. Hohen Wert lege man im zweiten Teil des  Auswahlverfahrens auf die sozialen Kompetenzen der Bewerber, heißt es aus dem Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz NRW (LfGA), das für die Umsetzung der Landarztquote zuständig ist. In einem Auswahlgespräch werden deshalb anhand von Interviews und Rollenspielen Entscheidungsstärke, Verantwortungsgefühl, Belastbarkeit, Empathie und Fingerspitzengefühl im Umgang mit Patienten beurteilt (siehe Kasten). Es fließt zu 50 Prozent in die Gesamtbewertung ein.

Der Weg der Frauen und Männer, die nach der Landarztquote Medizin studieren, in den Beruf ist vorgezeichnet. Im Gegenzug für einen Studienplatz verpflichten sie sich dem Land NRW gegenüber vertraglich, nach Abschluss von Studium und Weiterbildung in Innerer oder Allgemeinmedizin zehn Jahre lang als Hausärzte in einer unterversorgten oder von Unterversorgung bedrohten Region in Nordrhein-Westfalen tätig zu werden. Bei Vertragsbruch droht eine empfindliche Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro.

Wenn im Jahr 2031 die ersten Hausärztinnen und Hausärzte im Rahmen der Landarztquote ihre Weiterbildung abgeschlossen haben, kommen in Nordrhein ländliche Kreise wie Kleve, Emmerich oder Tönisvorst, aber auch strukturschwache städtische Regionen in Oberhausen, Hilden oder Wesseling für eine Niederlassung oder Anstellung infrage. So lautet zumindest eine vorläufige Prognose des LfGA. Es beruft sich dabei auf Daten der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, nach denen im Jahr 2031 in diesen Regionen ein Versorgungsgrad mit Hausärzten von unter 75 Prozent wahrscheinlich ist, und die damit als unterversorgt gelten.
 
Elf Länder mit Landarztquote

NRW war das erste Bundesland, das als einen Baustein im Kampf gegen den Ärztemangel auf dem Land und in sozial benachteiligten Vierteln in den Städten eine Landarztquote einführte. Die Entscheidung dazu fiel 2018, wirksam wurde sie zum Wintersemester 2019/2020. Inzwischen sind zehn weitere Bundesländer, insbesondere große Flächenländer wie Bayern, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern, dem Beispiel gefolgt. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann ist überzeugt, dass die Quote neben dem Hausarzt-Aktionsprogramm des Landes, der neuen Medizinischen Fakultät OWL an der Universität Bielefeld und der Verdoppelung von Medizinstudienplätzen an der Universität Witten-Herdecke ein weiterer wichtiger Baustein ist, um eine möglichst wohnortnahe hausärztliche Versorgung auch in Zukunft zu erhalten. Angesichts der demografischen Entwicklung der Gesellschaft gebe es einen erheblichen Nachbesetzungsbedarf, sagte Laumann anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Landarztquote Ende 2024.
 
Prognosen sind schwierig

Aktuell sind in Nordrhein rund 6.500 Hausärztinnen und Hausärzte tätig, allerdings nicht alle in Vollzeit, wie die KV Nordrhein auf Anfrage mitteilt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 54,97 Jahren. Zwar sei die hausärztliche Versorgung in dem Landesteil gemessen an der Systematik der Bedarfsplanung noch stabil. Mit Blick auf die Altersstruktur dürften aber in den nächsten Jahren viele Hausärztinnen und -ärzte aus der Versorgung ausscheiden und Nachfolger für ihre Praxen suchen. Seriöse Prognosen über den genauen Zeitpunkt und die Zahl der Praxisabgaben seien jedoch schwierig, räumt die KV ein. Zum einen gebe es keine Altersgrenze für die Beendigung der vertragsärztlichen Tätigkeit. Zum anderen hänge die Chance auf eine Praxisweitergabe auch von individuellen Faktoren wie der Lage und der Ausstattung sowie der Zahl der Patienten ab. „In Summe verändert sich die ambulante Versorgung aber durch den Generationswechsel spürbar“, erklärt die KV. Um die ambulante Versorgung zukunftsfest gestalten zu können, müssten aus Sicht der Körperschaft in erster Linie mehr Ärztinnen und Ärzte ausgebildet und die Zahl der Medizinstudienplätze entsprechend erhöht werden. Außerdem müssten Politik, Ärzteschaft, Krankenkassen und Kommunen intensiver zusammenarbeiten, um mehr Absolventen für eine Niederlassung als Hausärztin oder Hausarzt zu gewinnen. Dazu gehören aus Sicht der KV unter anderem der Ausbau finanzieller Förderprogramme, innovative Versorgungslösungen auch unter Einbeziehung neuer Berufsbilder und Nachwuchskampagnen wie die Ende Januar gestartete Aktion „Deine Praxis. Dein Freiraum.“, mit der die KV junge Ärztinnen und Ärzte für die Niederlassung in eigener Praxis begeistern will.
 
Dem Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz zufolge studieren zurzeit an den medizinischen Fakultäten in NRW 1.048 Personen Medizin über die Landarztquote (Stand: Januar 2026). In den 14 bisher durchgeführten Auswahlverfahren habe man im Durchschnitt vier Bewerber je Studienplatz gezählt. Von denen, die im Wintersemester 2019/2020 ihr Medizinstudium aufgenommen haben, haben inzwischen 35 ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Neun Ärztinnen und Ärzte haben nach Angaben des LfGA angezeigt, dass sie bereits mit der Weiterbildung begonnen haben. Dagegen hätten bislang 79 Studierende nach der Landarztquote das Studium abgebrochen, was einer Abbrecherquote von 6,7 Prozent entspreche. Sie liegt damit ähnlich hoch wie die im „normalen“ Medizinstudium, aber deutlich niedriger als beispielsweise in den Geisteswissenschaften (Bachelor an Universitäten: 49 Prozent) oder in Mathematik und Naturwissenschaften (50 Prozent).
 
Bricht jemand sein Studium ab, wird dem LfGA zufolge keine Vertragsstrafe fällig. Anders verhält es sich jedoch, wenn die Absolventen ihre Weiterbildung nicht in Innerer oder Allgemeinmedizin antreten und stattdessen ein anderes Fach wählen wollen. Das sei zurzeit Gegenstand von Klagen vor Gericht, erklärt das Landesamt. Es seien 18 Klagen anhängig, die unter anderem die Verpflichtung zur hausärztlichen Weiterbildung, die Höhe der Vertragsstrafe, aber auch die örtliche Bindung an NRW zum Gegenstand hätten. Die Gerichtsentscheidungen stehen nach Angaben des Landesamtes noch aus, werden aber im Laufe des Jahres erwartet. Eine Vertragsstrafe sei bisher noch nicht verhängt worden.
Aktuell erarbeiten das LfGA, das NRW-Gesundheitsministerium sowie die KVen in Nordrhein und Westfalen-Lippe einen Kriterienkatalog für die Regionen, die für die spätere Tätigkeit der angehenden Landärzte im Anschluss an die Weiterbildung in Betracht kommen. Diese Liste solle den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung jeweils ein bis zwei Jahre vor Ende der Weiterbildung zur Verfügung gestellt werden, heißt es aus dem LfGA. Die bereits vorliegende Liste für Nordrhein, die für 2031 insbesondere Regionen am Niederrhein und in Teilen des Bergischen Landes als drohend unterversorgt ausweist, solle den jetzt in die Weiterbildung startenden Ärztinnen und Ärzten zur Orientierung dienen. Das LfGA hofft zudem, dass Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit nutzen, Weiterbildungserfahrungen in den dort ausgewiesenen Regionen zu sammeln.
 
Keine Weiterbildung in Pädiatrie

Für Timo Kurz entspricht das Dasein als Hausarzt auf dem Land ziemlich genau den Vorstellungen, die er von der Zukunft hat. „Zurzeit bin ich zwar Wahlkölner, aber perspektivisch wollte ich immer zurück in die alte Heimat, ins westliche Münsterland“, sagt er am Telefon. Er ist auch recht zuversichtlich, dass er sich dort nach Abschluss seiner Weiterbildung niederlassen kann. Dass in seiner Heimatregion in Westfalen-Lippe ärztlicher Nachwuchs dringend gesucht werde, bestätigten ihm die Ärztinnen und Ärzte vor Ort. Aus den Prognosen des LfGA und der KVen im Land gehe das aber noch nicht hervor. Das sei ein Punkt, den viele Landarztstudierende kritisierten, sagt Kurz. „Da steht einer Planbarkeit von eineinhalb Jahren vonseiten des Landes eine fast 20-jährige Verpflichtung unsererseits gegenüber.“
 
Für Unmut unter den Studierenden habe zudem gesorgt, dass zu Beginn der Landarztquote auch eine Weiterbildung in Kinderheilkunde in Aussicht gestellt, inzwischen aber zurückgenommen wurde, weil dem LfGA zufolge in NRW kein Mangel an Kinderärzten herrscht. „Das ist bei mehreren Informationsveranstaltungen des Landes schon Thema gewesen“, sagt Kurz. Bemängelt werde von vielen Studierenden auch, dass die Kommunikation mit dem Landesamt zuweilen recht holprig verlaufe, und Antworten auf Fragen zur Ausgestaltung des Landarztvertrags, zu den Arbeitsbedingungen oder zu Härtefallregelungen vage blieben. Von den KVen und den Ärztekammern fühle man sich hingegen „gut abgeholt“. Er selbst habe während des Studiums keine Schwierigkeiten gehabt und hoffe, dass seine Weiterbildung zum Facharzt ebenso reibungslos verlaufe. „Ich freue mich jedenfalls darauf, dass es bald losgeht mit der ärztlichen Tätigkeit“, sagt Kurz.
 
 

*Name von der Redaktion geändert
 

Juroren für Auswahlgespräche gesucht

Das Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz NRW, das mit den Auswahlverfahren im Rahmen der Landarztquote betraut ist, sucht Jurorinnen und Juroren für die Auswahlgespräche. Bei dieser zweiten Stufe des Auswahlprozesses, der an der Universität Münster stattfindet, geht es darum, in Form von strukturierten Interviews und Rollenspielen die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Studienplatzbewerberinnen und -bewerber zu prüfen. Gesucht werden bevorzugt Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin und Innere Medizin. Die künftigen Juroren werden für die Durchführung des Auswahlverfahrens speziell geschult. 

Kontakt: Olaf Tkotsch
Leiter der Abteilung Weiterbildung
Ärztekammer Nordrhein
Telefon: 0211 4302-2220
E-Mail: Olaf.Tkotsch(at)aekno.de