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Mein Beruf

„Uns werden zunehmend die Hände gebunden“

17.04.2026 Seite 47
RAE Ausgabe 5/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 5/2026

Seite 47

Dr. Nicolas Aschoff ist seit 2020 für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen e.V. im Einsatz. Der Kinderarzt war unter anderem im Südsudan, in Afghanistan und in Nigeria tätig. Bereits 2013 hat er die Entwicklungshilfeorganisation L'appel Deutschland e.V. mitgegründet, die Projekte in Sierra Leone und Ruanda verwirklicht. Aschoff ist dort im Vorstand tätig. Die Organisation lebt von freiwilligem Engagement: https://lappel.de/ © Buck

RÄ: Was hat Sie dazu bewogen, sich als Arzt in der humanitären Hilfe zu engagieren?
Aschoff: Menschen in Not zu helfen, war für mich schon immer Ausdruck von Dankbarkeit dafür, selbst weit weg von existenzieller Not aufgewachsen zu sein und leben zu dürfen. Ich habe mich deshalb ganz bewusst für das Medizinstudium entschieden. 2014 war ich als Famulant in Sierra Leone. Das war zu Beginn der Ebola-Epidemie. Ich habe damals miterlebt, wie viele Hilfsorganisationen ihr Personal aus Sicherheitsgründen abgezogen haben – in einem Moment, in dem sie am dringendsten gebraucht wurden. Denn das Gesundheitssystem des Landes war vollständig abhängig von Hilfen von außen. Aus einer medizinischen Notlage wurde über Nacht eine humanitäre Katastrophe. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis und hat mich dazu bewogen, nach Abschluss meiner ärztlichen Ausbildung für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Die Organisation war eine der wenigen, die damals ihre Präsenz im Land verstärkte und lange Zeit auch die einzige, die Ebola-Patienten behandelte. 

RÄ: Mit welchen Situationen sind Sie bei Ihren Einsätzen besonders häufig konfrontiert?
Aschoff: Man wird recht schnell auf die basalen ärztlichen Fähigkeiten zurückgeworfen, die einem ohne Gerätemedizin zur Verfügung stehen. Viele diagnostische Möglichkeiten, die für uns in Deutschland, in unserem High-Ressource-Setting, selbstverständlich sind, stehen bei den Einsätzen nicht zur Verfügung. Entscheidungen müssen anhand von klinischen Erscheinungsbildern getroffen werden. Darüber hinaus sind natürlich die Fragen, die sich im Arbeitsalltag stellen, sehr viel existenzieller: Können wir verantwortungsvoll arbeiten? Reicht die Infrastruktur dafür aus? Ist das Risiko für uns vertretbar? Uns werden teilweise Lizenzen und die Arbeitserlaubnis vor Ort entzogen. Das haben Kolleginnen und Kollegen vor allem in Gaza miterlebt. Es kommt auch immer häufiger vor, dass medizinische Einrichtungen angegriffen werden, was ganz klar völkerrechtswidrig ist. Das ist ein beängstigender Trend.

RÄ: Was nehmen Sie persönlich und beruflich aus den Einsätzen mit?
Aschoff: Zunächst einmal schenkt es mir eine große Sinnhaftigkeit. Ich zweifle bei einem Einsatz nicht daran, dass ich damit das Richtige tue und zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin. In Deutschland behandle ich am Tag in der Kinderklinik vielleicht 25 kleine Patientinnen und Patienten, da bin ich ein Arzt von vielen. Im Einsatz behandle ich manchmal bis zu 80 Patienten, bin häufig der einzige oder einer von ganz wenigen Ärzten. Die Verantwortung, die man trägt, ist enorm – wohl wissend, dass viele der Kinder noch kränker wären, würde man nicht helfen. Auf der anderen Seite ist das natürlich auch eine Art Schule des Lebens, weil sie mir ein vollständigeres Bild der Welt vermittelt, oder zumindest eine andere Perspektive verschafft, die sehr viel unverstellter ist.

„In Deutschland bin ich ein Arzt, im Einsatz manchmal der einzige Arzt“

RÄ: Wie unterscheidet sich Ihr Arbeitsalltag im Einsatz von dem in Deutschland?
Aschoff: Ich sage mal so: In der Kindermedizin ist die Natur auf unserer Seite. Das ist sowohl in unseren Einsatzländern so als auch in Deutschland. Aber hier haben wir natürlich ganz andere finanzielle Ressourcen sowie diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, von denen man in weiten Teilen der Welt leider nur träumen kann. Dementsprechend sehe ich an der Klinik in Herdecke in der Regel auch weniger fortgeschrittene Krankheitsbilder. Das erklärt die eklatanten Unterschiede in der Überlebenswahrscheinlichkeit von kranken Kindern. In manchen Gebieten von Subsahara-Afrika liegt die Kindersterblichkeit bei mehr als 30 Todesfällen von 1.000 Lebendgeburten. Nach vielen Jahren der Verbesserung, stagnieren die Zahlen inzwischen wieder oder steigen sogar in einigen Gebieten. Mein Wunsch ist es, dem mit meiner Arbeit ein Stück weit entgegenzuwirken oder zumindest eine rudimentäre Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. 

RÄ: Wo stoßen Sie in Ihrer Arbeit an Grenzen?
Aschoff: Wir heißen zwar „Ärzte ohne Grenzen“, aber auch unsere Arbeit wird an vielen Stellen behindert. Besonders schmerzhaft sind die Grenzen, die uns von Menschen gesetzt werden: wenn man uns grundlos den Zutritt zu Hilfebedürftigen verweigert, beispielsweise in Gaza oder in Teilen des Sudans; wenn das Budget für humanitäre Hilfe aufgrund der Prioritätenverschiebung auch in Deutschland massiv gekürzt wird, dadurch werden uns zunehmend die Hände gebunden.

Das Interview führte Vassiliki Temme