Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind.
RÄ: Was hat Sie dazu bewogen, sich für die Urologie zu entscheiden?
Skowronek: Während meines Erasmus-Jahres im Norden Frankreichs kam ich das erste Mal richtig mit der Urologie in Berührung. Ich war vom Facettenreichtum des Fachs sehr überrascht – rekonstruktive Chirurgie, onkologische Eingriffe, Endoskopie sowie Krankheitsbilder aus dem Bereich der Pädiatrie und der Geriatrie. Später, im praktischen Jahr landete ich dann eher zufällig, durch eine relativ schlechte Losnummer, wieder in einer Urologie und habe dort mein erstes Tertial absolviert. Ab dann war mir klar, wie viele Möglichkeiten die Urologie eigentlich bietet, und ich bin geblieben.
RÄ: Welche Aufgaben und Krankheitsbilder prägen Ihren Alltag besonders?
Skowronek: Auf der einen Seite haben wir ja viele operative Tätigkeiten. Man könnte auf den ersten Blick meinen, die Urologie sei ein rein chirurgisches Fach, allein durch die sehr komplizierten meist roboter-assistierten uro-onkologischen Operationen. Aber daneben gibt es auch den normalen Alltag mit den vermeintlich kleinen Dingen. Wir sind eben auch eine Art Schnittstelle, arbeiten internistisch und zunehmend geriatrisch. Die Urologie braucht Zeit, zwei Minuten chirurgische Visite funktionieren hier einfach nicht. Ein großer Teil unserer Arbeit liegt beispielsweise in der Infektiologie, weil wir Harnwegsinfektionen behandeln. Im Endeffekt hat man das ganze Spektrum. Erstdiagnostik, Gespräche, Therapie- und Medikamentenplanung und manchmal jahrelange Begleitung.
RÄ: Was macht die Urologie für Sie medizinisch so vielseitig?
Skowronek: Obwohl es ein relativ kleines Fach ist, bietet es viele Möglichkeiten und vor allem Spezialisierungen für die persönliche Weiterentwicklung. Man kann klinisch tätig sein oder in die Praxis gehen, man kann in MVZs arbeiten oder Belegtätigkeiten machen. Das Besondere bei der Urologie, das ich in den 13 Jahren Tätigkeit auch sehr deutlich erlebt habe, sind die neuen Entwicklungen. Der Da-Vinci-Roboter beispielsweise ist in der Urologie schon lange im Einsatz. Es ist ein hochpräzises, computergestütztes Assistenzsystem, das in der Urologie standardmäßig für schonende, minimalinvasive Eingriffe eingesetzt wird. Gesteuert wird der Roboter durch eine Ärztin oder einen Arzt. Er hilft besonders bei Prostata- und Nierenoperationen, weil er Nerven und Gefäße schont, es zu weniger Blutungen und Schmerzen kommt und die Genesung meist schneller verläuft. Dann haben wir noch die Fortschritte in der Immuntherapie, wo eben nicht der Tumor selbst angegriffen, sondern das körpereigene Immunsystem so scharf gestellt wird, dass es die Krebszellen selbstständig erkennt und vernichtet. Heute nutzt man dafür neue Wirkstoff-Kombinationen, die das Immunsystem wie ein Navigationssystem zielsicher zum urologischen Krebs führen und oft schon direkt rund um die Operation eingesetzt werden, um einen Rückfall erfolgreich zu verhindern.
RÄ: Welche Begegnungen mit Patientinnen oder Patienten haben Sie besonders geprägt?
Skowronek: Am meisten in Erinnerung geblieben sind mir die Begegnungen, bei denen man selbst die Diagnostik gemacht hat. Viele Patientinnen und Patienten kommen als Notfall zu uns, und manchmal stellt man dann einen urologischen Tumor fest. Man behandelt, erlebt mit, kennt die Familie und es vergehen darüber Jahre. Gerade diese schwierigen Gespräche, wenn man den Krebs das erste Mal erwähnt, bleiben einem lange im Kopf. Auch die Notfälle sind prägend, da kann es aufgrund von starken Schmerzen und Blutungen schon dramatisch zugehen. In diesen Situationen muss man sehr schnell handeln und helfen und einfach sehr präsent bleiben.
RÄ: Welche Vorurteile über Ihr Fachgebiet würden Sie gerne ausräumen?
Skowronek: Die Urologie ist keine reine Männersache. Weder sind die Patienten alle männlich, noch ist es das behandelnde Team. Es geht nicht nur um alte Männer, Penisse, Hoden und Prostata. Mindestens ein Viertel der Patienten ist weiblich. In der Klinik sogar noch mehr. Wir behandeln auch Kinder, wir behandeln Schwangere, wir behandeln Transgender-Patienten. Es ist sehr schade, wenn Menschen sagen, du bist eine Frau, warum machst du denn Männerheilkunde? Dann denke ich, da hat jemand nicht ganz aufgepasst. Bei uns im Haus ist das Team beispielsweise sehr gemischt, was gut für die Chemie untereinander ist und den Austausch. Nicht nur Frauen, nicht nur Männer, sondern über alle Etagen mittlerweile ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Ein weiteres Vorurteil, dem ich immer wieder begegne, ist, dass die Urologie als ein kleines Nischenfach angesehen wird. Dieses Vorurteil würde ich gerne ausräumen; denn tatsächlich ist die Urologie nicht zuletzt wegen der alternden Bevölkerung mittlerweile in der medizinischen Versorgung von großer Bedeutung.
Das Interview führte Vassiliki Temme.


