Vorlesen
Wissenschaft und Fortbildung

Sehverlust, Kribbeln und Erschöpfung bei einer 28-jährigen Patientin

25.09.2026 Online FortbildungSeite 24
RAE Ausgabe 10/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 10/2026

Seite 24

Diagnostische und therapeutische Überlegungen

von Dirk Sander

Anamnese

Eine 28-jährige Lehrerin stellte sich in der neurologischen Notaufnahme vor. Seit etwa drei Wochen bemerke sie eine zunehmende Sehverschlechterung am linken Auge, verbunden mit einem dumpfen Schmerz hinter dem Auge, der sich bei Augenbewegungen verstärke. Zwei Wochen vor Aufnahme sei zudem ein unangenehmes Kribbeln im linken Bein aufgetreten, das sich von der Wade bis zur Hüfte erstrecke. Hinzu komme eine ausgeprägte Erschöpfung, die die Patientin als ungewöhnlich und von normaler Müdigkeit klar abgrenzbar beschreibt. Die Patientin gab an, vor einigen Tagen einen Augenarzt aufgesucht zu haben, der ophthalmoskopisch keinen eindeutigen pathologischen Befund festgestellt, jedoch den Verdacht auf eine Optikusneuritis geäußert habe. Anamnestisch keine relevanten Vorerkrankungen, keine Familienangehörigen mit neurologischen oder autoimmunologischen Erkrankungen, keine Medikamenteneinnahme. Impfstatus aktuell. Kein Hinweis auf vorangegangene Infekte.

Neurologischer Untersuchungsbefund

Allgemein und Hirnnerven

Patientin wach, allseits orientiert, kooperativ. Hirnnerven I–XII klinisch intakt bis auf Befund des Nervus opticus links.
 

Visusprüfung und ophthalmologischer Screening-Befund

Visus linkes Auge: 0,3 (unkorrigiert); rechtes Auge: 1,0, Farbsinn (Ishihara): links deutlich reduziert (7/17 Tafeln erkannt), rechts regelrecht. Relativer afferenter Pupillendefekt (RAPD): links positiv (Swinging-Flashlight-Test), Funduskopie: linke Papille gering hyperämisch und randunscharf (beginnende Stauungspapille im Frühstadium); Makula und Netzhaut beidseits unauffällig.
Motorik und Reflexe

Grobe Kraft 5/5 in allen Extremitäten; Muskeleigenreflexe rechts gesteigert (BSR, PSR, ASR); Babinski-Zeichen rechts positiv; Lhermitte-Zeichen positiv (elektrisierende Missempfindung bei Flexion des Halses).

Sensibilität

Hypästhesie und Dysästhesie im linken Bein, L3 bis S1, kein Dermatomdefizit rechts.

Koordination und Gangbild

Finger-Nase-Versuch und Knie-Hacke-Versuch unauffällig; Romberg stabil; Gangbild bei höherer Geschwindigkeit leicht ataktisch.

Vegetativum

Kein Hinweis auf Blasen- oder Mastdarmstörung; keine Sexualfunktionsstörung berichtet.
 

Bildgebende Diagnostik (MRT-Schädel und HWS mit und ohne Kontrastmittel)

Multiple periventrikuläre ovale T2/FLAIR-hyperintense Läsionen beidseits, senkrecht zum Corpus callosum ausgerichtet (Dawson-Finger-Konfiguration). Zusätzlich juxtakortikale und infratentorielle Läsionen (Abbildung 1). Keine medulläre oder zervikale HWS-Läsionen. Keine Kontrastmittelaufnahme. 
 

Der Nervus opticus links zeigt in der T1-Sequenz mit Kontrastmittel eine deutliche Kontrastmittelaufnahme (Abbildung 2) als morphologisches Korrelat der Optikusneuritis.

Kurzanleitung zur „Zertifizierten Kasuistik“

Zum Erwerb der Fortbildungspunkte müssen mindestens 70 Prozent der Fragen richtig beantwortet werden. In dem Fall können die Fortbildungspunkte über den Elektronischen Informationsverteiler (EIV) dem elektronischen Punktekonto des Arztes bei seiner ­Ärztekammer automatisch gutgeschrieben werden, falls die Einheitliche Fortbildungsnummer/Barcode auf die Lernerfolgskontrolle aufgeklebt und die Einverständniserklärung zur Datenübermittlung unterschrieben ist.

Einsendeschluss: Die Lernerfolgskontrolle muss spätestens bis Samstag, 28. November 2026 per Fax oder per Post eingegangen sein (Poststempel). Fax: 0211/4302 5808, Postanschrift: Ärztliche Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung in Nordrhein, Tersteegenstr. 9, 40474 Düsseldorf.

Auflösung: im Rheinischen Ärzteblatt 12/2026 in der Rubrik Magazin.

Ausführliche Informationen zur Differenzialdiagnostik werden im Internet unter www.aekno.de/cme veröffentlicht.