Anschaulich, verständlich, wissenschaftsbasiert – das war der Anspruch, den die Jury an die Videobeiträge über Gesundheitsthemen auf Instagram, TikTok und Co. stellte, die für den Medfluencer-Preis 2026 eingereicht worden waren. Am 14. September verliehen die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe die Auszeichnung an Hausarzt David Reckers und die Medizinstudierenden Meret Leuthäuser und Fatih Çalışkan.
von Heike Korzilius
Sucht man auf Instagram nach #abnehmspritze, erhält man knapp 25.600 Treffer. Unter den Posts findet sich die ganze Bandbreite von seriöser Medizininformation bis hin zu Wundermittelversprechen, die in erster Linie den kommerziellen Interessen der jeweiligen Influencer dienen. David Reckers will hier einen Kontrapunkt setzen. Der angehende Hausarzt, der in Troisdorf-Sieglar in der Praxis seines Vaters tätig ist, erklärt in seinem Gewinner-Video anschaulich und evidenzbasiert die Wirkweise von GLP-1-Rezeptoragonisten, deren ursprüngliches Einsatzgebiet in der Diabetesbehandlung und warum sie eine Adipositas-Behandlung zwar sinnvoll ergänzen können, aber kein „Abnehm-Wundermittel“ sind. Das Ganze dauert eine Minute. Für den 29-Jährigen sind die Sozialen Medien Teil des Gesundheitswesens. „Hier holen sich die Leute ihre Informationen. Deshalb brauchen wir hier seriöse Aufklärer“, sagte er bei der feierlichen Verleihung des Medfluencer-Preises 2026 am 14. September im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Eigentlich möge er den Begriff Medfluencer gar nicht so gerne, so Reckers. „In erster Linie bin ich Arzt.“ Er erlebe allerdings bei seiner täglichen Arbeit, dass häufig die Zeit fehle, um die Patientinnen und Patienten umfassend zu informieren. Seriöse Angebote auf Social Media könnten diese Lücke schließen und dabei helfen, deren Gesundheitskompetenz zu fördern.
Damit die wertvolle Arbeit von Medfluencern wie Reckers gewürdigt wird, haben die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe in diesem Jahr zum ersten Mal den Medfluencer-Preis ausgelobt. Ausgezeichnet werden sollten Autorinnen und Autoren, „denen es darum geht, verständlich, korrekt und möglichst niedrigschwellig über Gesundheitsthemen zu informieren“, erläuterte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Sven Dreyer. Gleichzeitig machten diese seriösen Medfluencer Fake-Medizinern das Leben schwer, weil sie Falschbehauptungen entlarvten und ihnen Zahlen, Daten und Fakten entgegenstellten. „Wir wollen diejenigen unterstützen, die den Gegenpol zu Gesundheitsmythen und Desinformation bilden“, erklärte Dreyer.
Instagram, TikTok, YouTube und andere Plattformen seien längst wichtige Informationsquellen, betonte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Hans-Albert Gehle. „Gerade dort, wo sich seriöse Informationen und Falschinformationen oft nur schwer unterscheiden lassen, brauchen wir Ärztinnen, Ärzte und Medizinstudierende, die mit ihrer fachlichen Kompetenz und unter Achtung der ärztlichen Berufsordnung Orientierung geben.“


In der Kategorie „Medizinstudierende“ wurden Meret Leuthäuser und Fatih Çalışkan ausgezeichnet, der noch als Medizinstudent seine Bewerbung für den Preis eingereicht hatte, inzwischen aber approbiert ist. Er habe im engsten Umfeld erlebt, was Falschinformationen bei Krebskranken anrichten könnten. Sie schürten das Misstrauen in die moderne Medizin und deren therapeutische Erfolge. Manche Videos behaupteten sogar, Krebs sei etwas Gutes, das den Körper entgiften könne. Dem habe er etwas entgegensetzen wollen, beschrieb er in Düsseldorf seine Motivation, unter die Medfluencer zu gehen. Auf seinem Account „fakten_auf_rezept“ kommentiert Çalışkan in erster Linie Videos von unseriösen Medfluencern und weist auf Gefahren hin, die von ihnen ausgehen. Auf Instagram folgen ihm 10.800 Nutzer. Die Jury des Medfluencer-Preises hat ihn für einen Beitrag ausgezeichnet, in dem er medizinisch korrekt auf ein bekanntes Video reagiert, in dem Venen auf dem Handrücken abgedrückt und wieder freigegeben werden. Çalışkan erklärt an diesem Beispiel die anatomischen und physiologischen Besonderheiten der Venen, die Funktion der Venenklappen und geht auf Aspekte wie Druckverhältnisse und Blutflussrichtung ein.
Meret Leuthäuser, die an der Universität Duisburg-Essen im 9. Semester Medizin studiert, betreibt den Kanal _meeret_ und nutzt ihn, um ihre Follower über allgemeinmedizinische und Fitness-Themen zu informieren. Zu ihrem Aufklärungskanal habe sie die Famulatur in der Anästhesie motiviert, erklärte sie in Düsseldorf. Ihr seien dort bei den Patientinnen und Patienten so viele Ängste begegnet, dass sie denen etwas entgegensetzen wollte. Ihr Video „Was bei einer Narkose wirklich passiert“ überzeugte auch die Jury. Es leiste verständlich und medizinisch fundiert Aufklärung über den sicheren Ablauf einer Narkose und stärke dadurch das Vertrauen in medizinische Behandlungen.
Lob für die Aufklärungsarbeit der drei Gewinner und zehn Finalisten, von denen ebenfalls einige nach Düsseldorf gereist waren, kam von zwei bekannten und etablierten Medfluencern, die der Jury angehörten: dem Kardiologen, Moderator und Podcaster Dr. Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser und dem Kinderarzt Dr. Nibras Naami, Mitgründer des Social Media-Kanals @handfussmund. „Mein Dank geht an die beiden Ärztekammern, die diesen revolutionären Preis verleihen“, sagte Naami in Düsseldorf. Er finde es großartig, dass hier drei junge Kollegen ausgezeichnet würden, die dem Trend widerstehen, nur nach Klicks und Likes zu schielen. Naami geht davon aus, dass ein eigener Social Media Account über kurz oder lang zum Standard in der Arztpraxis gehören werde. „Man kann Patienten auch über Reels oder Podcasts Empfehlungen geben“, meint er. „Es gibt kaum noch jemanden, der lieber einen vierseitigen Flyer liest.“ Die Zahlen geben ihm offenbar recht. Sein Account zählt knapp 830.000 Follower.
Auch Doc Esser betonte, wie wichtig die Arbeit seriöser Medfluencer sein könne, insbesondere vor dem Hintergrund knapper Terminangebote in den Praxen. Informationen ins Netz zu geben, sei eine andere Form der sprechenden Medizin, die im normalen ärztlichen Alltag oft kaum umsetzbar sei. „Wir gehen dahin, wo die Leute mittlerweile Informationen suchen. Und wenn wir da seriös aufklären können, macht mich das persönlich sehr zufrieden“, sagte Esser.



