Vorlesen
Thema

Das Ziel: eine gute Weiterbildung

18.08.2026 Seite 12
RAE Ausgabe 9/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 9/2026

Seite 12

© Georgiy Datsenko/istockphoto.com
Viele Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein erleben ihre Weiterbildung weiterhin als schlecht organisiert und wenig wertschätzend. Fehlende Struktur, mangelnde Betreuung und eine belastende Arbeitskultur prägen vielerorts den Weiterbildungsalltag. Mit Didaktiktrainings, einem Weiterbildungsregister und neuen Informationsangeboten will die Ärztekammer Nordrhein gegensteuern. 

von Marc Strohm 

Die diesjährige Evaluation der Weiterbildung in Nordrhein bestätigt die Befunde der Vorjahre: Viele Defizite bestehen fort. So würde nur gut die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung die eigene Weiterbildungsstätte weiterempfehlen. Regelmäßige Weiterbildungsgespräche und eine strukturierte Dokumentation des Weiterbildungsstands finden vielerorts nicht statt. Auch das für die Erteilung einer Weiterbildungsbefugnis vorgeschriebene Weiterbildungsprogramm bildet häufig nicht die Grundlage der Weiterbildung und wird teilweise gar nicht ausgehändigt. 
Über die quantitativen Ergebnisse hinaus zeichnen insbesondere die Freitextkommentare ein ernüchterndes Bild. Viele Assistenzärzte berichten, Weiterbildung finde lediglich „nebenher“ statt. Statt gezielt angeleitet zu werden, würden sie vor allem eingesetzt, um Versorgungslücken im Klinikalltag zu schließen. Andere beklagen mangelnde Wertschätzung, eine hohe Fluktuation aufgrund schlechter Führung oder gar ein toxisches Arbeitsklima. Dass diese Erfahrungen keine Einzelfälle sind, legt eine aktuelle Befragung des Marburger Bundes nahe: Mehr als die Hälfte der rund 9.000 Teilnehmer berichtete von Machtmissbrauch im Klinikalltag, der reichte vom respektlosen Umgang über Mobbing bis hin zu öffentlicher Bloßstellung. Knapp 40 Prozent der Befragten waren Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung.
Um Missstände und Schwachstellen systematisch zu identifizieren und die Weiterbildungsbedingungen strukturell zu verbessern, führt die Ärztekammer Nordrhein seit 2023 jährlich eine Evaluation der Weiterbildung durch. Die Initiative geht auf einen Beschluss des Deutschen Ärztetages zurück. An der aktuellen Befragung haben sich in diesem Jahr rund 1.200 Ärzte beteiligt. Dennoch hält Olaf Tkotsch, Leiter der Weiterbildungsabteilung der Ärztekammer Nordrhein, eine höhere Rücklaufquote als die derzeitigen 7,5 Prozent für wünschenswert. „Nur mit einem starken und breiten Feedback können wir die Weiterbildungssituation umfassend nachvollziehen. Wenn aus einer Abteilung eine aussagekräftige Anzahl an Rückmeldungen vorläge, könnten wir konkrete Handlungsfelder identifizieren und mit den Beteiligten in den Dialog treten“, erklärt Tkotsch im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt

Weiterbilder im Fokus 

Um die Situation in der ärztlichen Weiterbildung zu verbessern, hat der 128. Deutsche Ärztetag 2024 in Mainz eine bessere didaktische Qualifizierung der Weiterbildungsbefugten gefordert, damit sie Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten angemessen vermitteln können. In Nordrhein fanden im Sommer 2025 die ersten verpflichtenden Didaktiktrainings für alle neu befugten Weiterbilder statt. Sie werden seither regelmäßig von der Ärztlichen Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung veranstaltet. 
Darüber hinaus informiert die Ärztekammer Nordrhein im Rahmen der verpflichtenden Fortbildung „Verantwortung als Weiterbilder“ über die rechtlichen und organisatorischen Grundlagen der Weiterbildung sowie über die Aufgaben und Pflichten von Weiterbildern. Da die Weiterbildungsbefugnis in der Regel auf sieben Jahre befristet ist, muss die Fortbildung bei einer Verlängerung der Befugnis erneut absolviert werden. Damit soll sichergestellt werden, dass die Weiterbilder mit den regelmäßigen rechtlichen und fachlichen Anpassungen der Weiterbildungsordnung vertraut sind. Bei aller Bedeutung einer hochwertigen Qualifizierung der Weiterbilder weist Tkotsch darauf hin, dass zusätzliche Anforderungen immer sorgfältig abgewogen werden müssen. Neue Vorgaben sollten einen erkennbaren Beitrag zur Qualität der Weiterbildung leisten und nicht vor allem den administrativen Aufwand erhöhen.
Information für Weiterzubildende

Gleichzeitig beobachtet Tkotsch, dass nicht nur bei den Weiterbildern, sondern auch bei Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung ein hoher Informationsbedarf besteht. Die Weiterbildungsabteilung der Ärztekammer Nordrhein habe deshalb im Sommer 2026 die Vortragsreihe „Fehler vermeiden bei der Anmeldung zur Facharztprüfung“ ins Leben gerufen. Die Veranstaltung informiert unter anderem über die formalen Voraussetzungen für die Prüfungszulassung und die notwendigen Unterlagen, die eingereicht werden müssen.
Seit 2023 bietet die Kammer zudem regelmäßig Informationsveranstaltungen zum elektronischen Logbuch an. Das Angebot richtet sich sowohl an Weiterbildungsassistenten als auch an Weiterbildungsbefugte. In den Schulungen erläutern die Mitarbeiterinnen der Ärztekammer unter anderem, wie ein eLogbuch angelegt wird, welche Funktionen es bietet und wie die Freigabe an den weiterbildungsbefugten Arzt erfolgt. Bei der Dokumentation der Weiterbildung seien nicht nur die Weiterbildungsbefugten, sondern auch die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gefordert, sagt Weiterbildungsleiter Tkotsch. 

Register für mehr Übersicht 

Um einen fundierten Überblick über die Situation in der fachärztlichen Weiterbildung zu erhalten, hat der Vorstand der Ärztekammer Nordrhein im vergangenen Jahr beschlossen, ein Weiterbildungsregister aufzubauen. Es soll unter anderem dazu dienen, Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gezielt anzusprechen, sie für künftige Evaluationen der Weiterbildung zu gewinnen und sie über passende Angebote während der Weiterbildung zu informieren. Als erste Maßnahme wurden Ärzte in der Weiterbildung zur Allgemeinmedizin beispielsweise auf die Nutzung des eLogbuchs sowie auf den Kurs „Psychosomatische Grundversorgung“ hingewiesen, der für diese Facharztgruppe obligat ist. Darüber hinaus soll das Register dazu dienen, drohende Engpässe in der ärztlichen Versorgung frühzeitig zu erkennen und daraus geeignete Maßnahmen abzuleiten. Gleichzeitig verspricht man sich in der Kammer weitere statistische Erkenntnisse, beispielsweise über das Betreuungsverhältnis von Weiterbildungsbefugten und Weiterbildungsassistenten in den nordrheinischen Weiterbildungsstätten.  
Die Erfassung der Ärzte in Weiterbildung für das Register erfolgt durch die jeweiligen Weiterbildungsbefugten. Diese werden von der Ärztekammer jährlich aufgefordert, ihre Weiterzubildenden zu melden. Von den rund 8.500 registrierten Weiterbildungsbefugten in Nordrhein beteiligten sich im vergangenen Jahr 44 Prozent an der Erhebung und meldeten insgesamt 8.059 Ärzte in Weiterbildung für das Register. Der nächste Aufruf zur Aktualisierung des Registers beginnt am 1. Oktober. Die Kammer informiert die Weiterbildungsbefugten über das Mitglieder-Portal „meine.aekno.de“ oder per E-Mail. Künftig ist geplant, das Weiterbildungsregister mit dem eLogbuch zu verknüpfen. So könnten beispielsweise Lücken in der Weiterbildung frühzeitig erkannt und die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung rechtzeitig darauf hingewiesen werden. 

Schwierige Rahmenbedingungen 

Die Ergebnisse der diesjährigen Evaluation der Weiterbildung zeigen nach Einschätzung von Dr. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, weiterhin deutlichen Verbesserungsbedarf. Um jedoch ein annähernd repräsentatives Bild der Weiterbildungssituation zu erhalten, sei eine deutlich höhere Beteiligung an der Evaluation erforderlich. In Österreich erzielte die „Ausbildungsevaluierung“ der Österreichischen Ärztekammer im vergangenen Jahr beispielsweise mit einer Rücklaufquote von 59 Prozent einen Rekordwert. Dreyer appelliert deshalb an alle Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in Nordrhein, sich an der kommenden Evaluation zu beteiligen. 
Zugleich sei es angesichts der tiefgreifenden Veränderungen im Gesundheitswesen bemerkenswert, dass sich die Ergebnisse insgesamt nicht verschlechtert hätten. „Nach wie vor stellen ökonomischer Druck, Personalmangel und eine zunehmende Arbeitsverdichtung viele Kliniken vor große Herausforderungen. Dadurch sind Zeit und personelle Ressourcen für eine strukturierte Weiterbildung vielerorts knapp“, sagt Dreyer. Erschwerend komme eine vermehrte Zentrenbildung durch die Krankenhausreform hinzu. Die Folge: Viele Krankenhäuser könnten in Zukunft nicht mehr das ganze Spektrum eines Fachgebiets abdecken. Damit es dadurch nicht zu Brüchen in der Weiterbildung komme, müssten in Zukunft vermehrt Weiterbildungskooperationen zwischen den Einrichtungen geschlossen werden. 
 

Gut informiert zum Facharzt 

Die Ärztekammer Nordrhein bietet Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung sowie Weiterbildungsbefugten ein umfassendes Informations- und Fortbildungsangebot unter: www.aekno.de/weiterbildung.