Am 24. Juni ereigneten sich im Norden Venezuelas kurz hintereinander zwei schwere Erdbeben. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mehr als 6.000 Menschen ums Leben, Tausende werden weiterhin vermisst. Dr. Peter Kaup, Allgemeinarzt und Anästhesist aus Oberhausen, war mit der Hilfsorganisation I.S.A.R-Germany kurz nach der Katastrophe vor Ort, um die Lage für einen Einsatz zu sondieren.
von Heike Korzilius
„Die Zerstörungen sind erheblich, die Situation in weiten Teilen des betroffenen Gebiets bleibt unübersichtlich. Auch die Erreichbarkeit des Katastrophengebiets ist eingeschränkt: Zahlreiche Straßen sind durch den Verkehr blockiert und erschweren die Bewegung im Einsatzgebiet“. So stellt sich dem Assessment Team von I.S.A.R-Germany die Lage in Caracas und der benachbarten Region La Guaira drei Tage nach den verheerenden Erdbeben dar. Das Team besteht aus dem Ärztlichen Direktor von I.S.A.R-Germany Dr. Peter Kaup sowie dem Teamleiter Auslandseinsätze und IT-Spezialisten Tim Poluzyn. Die beiden sind in der venezolanischen Hauptstadt unterwegs, um den Hilfebedarf einzuschätzen und in Absprache mit nationalen Behörden und UN-Organisationen einen geeigneten Standort für ihren Hilfseinsatz zu finden. Aufgrund der knappen Zeit – nach 72 Stunden sinkt die Wahrscheinlichkeit erheblich, Verschüttete noch lebend zu bergen – hatte I.S.A.R-Germany bereits im Vorfeld entschieden, kein Search and Rescue Team zur Bergung aus den Trümmern zu entsenden, sondern ein sogenanntes Emergency Medical Team. Insgesamt 26 Helfer, darunter Rettungssanitäter, Krankenschwestern sowie Ärztinnen und Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, sollten in einem Feldlazarett die medizinische Basisversorgung für 150 bis 200 Notfallpatienten täglich übernehmen. „Das Vorausteam sorgt dafür, dass alles zügig und reibungslos funktioniert, wenn der Rest des Hilfsteams ankommt“, beschreibt Kaup seine Mission gegenüber dem Rheinischen Ärzteblatt.
Kaup und Poluzyn fahren also hinaus, um einen geeigneten Ort für die Zelte der Helfer und das Lazarett zu finden. Er muss so gelegen sein, dass man bei den häufigen Nachbeben nicht von herabstürzenden Trümmerteilen getroffen werden kann. Die Suche gestaltet sich allerdings schwierig. „Es war fast unmöglich, an Einsatzstellen zu gelangen“, erklärt Kaup. „Die Straßen waren blockiert von Motorrädern und Zivilfahrzeugen, weil die Menschen in Verzweiflung selbst in den Trümmern nach Angehörigen gegraben haben.“
Ineffektives Krisenmanagement
Tatsächlich bescheinigen Betroffene und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NGO) der venezolanischen Übergangsregierung ein ineffektives Krisenmanagement. Vor laufenden Kameras machen sie die Übergangsregierung mitverantwortlich für die marode Bausubstanz vieler Gebäude, die dem Beben nicht standhalten konnten. Die Hilfsorganisation Caritas International bezeichnete Anfang Juli im Deutschlandfunk das Krisenmanagement der Regierung als „Desaster“: Hilfskräfte würden behindert, zivile Helfer seien auf sich allein gestellt und Behörden überfordert.
Kaup und Poluzyn erhalten bei ihrer Sondierungsmission große Unterstützung durch die Deutsche Botschaft in Caracas und den dortigen betreuenden Arzt, der auch Kontakte zu den Kliniken vor Ort im Katastrophengebiet herstellt. Den beiden gelingt es, alles für einen I.S.A.R-Einsatz vorzubereiten. „Wir bleiben in der Regel 14 Tage und sind völlig autark, damit wir nicht auf die Ressourcen im Katastrophengebiet zurückgreifen müssen“, sagt Kaup. Sie organisieren LKWs für den Transport von Ausrüstung und Hilfsgütern und einen Bus, um die restlichen Helfer aus Deutschland zum Lager zu bringen. Es soll auf einem Fußballplatz entstehen, der umzäunt und groß genug ist, um das eigene Feldlazarett und das Search and Rescue Team einer befreundeten Hilfsorganisation unterzubringen. Bei Bedarf können auch die Helfer in dem Lazarett medizinisch versorgt werden.
Noch immer sind viele obdachlos
Doch am Ende lehnt das venezolanische Gesundheitsministerium das Hilfsangebot von I.S.A.R-Germany ab. Man benötige zum aktuellen Zeitpunkt kein weiteres Emergency Medical Team, lautet die Begründung. „Und ohne Mandat können wir nicht tätig werden“, sagt Kaup.
Doch auch jetzt, gut zwei Monate nach dem verheerenden Beben bleibt die Lage in der betroffenen Region schwierig. Viele Menschen sind nach wie vor obdachlos und schlafen in Notunterkünften. Ihnen fehlt oft der Zugang zu sauberem Wasser, die hygienischen Bedingungen sind schlecht, was den Ausbruch von Krankheiten wie Cholera begünstigt.
I.S.A.R-Germany hat deshalb entschieden, weitere Hilfsgüter wie Medikamente, Zelte oder Stromaggregate in das Katastrophengebiet zu entsenden. Das geschehe in enger Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen vor Ort, „damit wir das schicken, was wirklich gebraucht wird“, betont Kaup.
Suchen, bergen, behandeln
I.S.A.R-Germany hat sich auf die Bergung von Erdbebenopfern und deren medizinische Notfallversorgung spezialisiert. Die Duisburger Hilfsorganisation finanziert sich
ausschließlich aus Spenden: www.isar-germany.de/spenden


