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Empfehlungen zur Nachsorge von Patienten nach SARS-CoV-2-Infektion


Stand: 24.08.2020

Klinik für Infektiologie, Westdeutsches Zentrum für Infektiologie (WZI) in Kooperation mit der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin und  der Klinik für Pneumologie (Ruhrlandklinik) der Universitätsmedizin Essen Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie LVR-Klinikum Essen Ärztekammer Nordrhein,  Kreisstelle Essen, Gesundheitsamt Stadt Essen

Hintergrund

Ein halbes Jahr nach Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie häufen sich Beobachtungen, dass bei Covid-19-Patienten vielfach Beschwerden und Organ-Schäden persistieren können. Daher ist über Wochen und Monate eine weitere ärztliche Betreuung der Betroffenen erforderlich.

Welche körperlichen Langzeitschäden SARS -CoV-2 Infektionen konkret mit sich bringen können und welche Bedeutung die Erkrankung und die Isolation auf die psychische Konstitution der Patienten haben, ist bisher noch unklar. Fest steht, dass der Erreger mehrere Organe angreifen kann, also eine systemische Erkrankung darstellt, und ebenso sicher ist, dass Patienten mit schweren Verläufen nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ein kompliziertes Szenario erwartet (1,2). Es gibt bisher noch keine gesicherten Kenntnisse, zu welchen Zeiten und in welchem Umfang Nachuntersuchungen sinnvoll sein können.

Um Ihnen bereits jetzt eine Hilfestellung für die Betreuung von Patienten nach SARS-CoV-2-Infektionen anzubieten, haben die Universitätsklinik Essen, die LVR-Klinik Essen, die Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein und die Stadt Essen für Sie vorläufige Empfehlungen zur Nachsorge  zusammengestellt. Die Empfehlungen richten sich an Kolleginnen und Kollegen in der hausärztlichen und fachärztlichen Betreuung von Patienten mit nachgewiesenem Kontakt mit SARS-CoV-2 (positiver PCR-Test) nach überstandener Akutphase - ob mit oder ohne erkennbarer Symptomatik.

1. Handlungsempfehlungen für Personen mit Nachweis einerSARS-CoV-2-Infektion innerhalb der letzten 3 Monate bisher asymptomatisch*

*Es kann nach derzeitigem Kenntnisstand davon ausgegangen werden, dass zwischen einem Viertel und  einem Drittel aller Infektionen asymptomatisch verlaufen (n10).

Empfehlung:
Grundsätzlich wird eine ärztliche Vorstellung innerhalb der ersten Monate nach Erhalt des positiven Testergebnisses angeraten.

Dabei sollten eine Befragung und eine körperliche Untersuchung stattfinden. Dies gilt insbesondere auch für jugendliche Patienten mit Risikofaktoren für schwere Verläufe eine SARS-CoV-2 Infektion wie Adipositas, Hypertonie und Diabetes (n9). In der Befragung sollte auf Angaben zur allgemeinen Leistungsfähigkeit, insbesondere der Atmungsfunktion und eventuell neurologischer (n3, n5), kardialer (n1) oder psychischer Beeinträchtigung besonderer Wert gelegt werden. Wir empfehlen bei jedem Patienten, zur objektiven Einschätzung, ob eine psychische Belastung vorliegt, das sogenannte Distress-Thermometer ausfüllen zu lassen. Werte ≥ 5 weisen hier auf das Vorliegen einer erhöhten Belastung hin und sollten eine weitere Evaluation nach sich ziehen.

1.1. Personen weiterhin asymptomatisch

Weiterhin keine Symptome oder Befunde, die auf eine SARS-CoV-2-Infektion hinweisen könnten (siehe auch 1.2.).

Empfehlung:
Weitere Maßnahmen nicht erforderlich.

Es wird dringend empfohlen, dass Personen, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, weiterhin Vorsichtsmaßnahmen in Bezug auf Infektionen treffen, einschließlich sozialer Distanzierung, Tragen von Gesichtsmasken und Händewaschen. Ob Reinfektionen möglich sind, bleibt zurzeit noch ungeklärt (n6).

Empfehlung für Sportler ohne Beschwerden:
Ab Datum des positiven Testergebnis mindestens zwei Wochen lang keinen Sport treiben (ACC Empfehlung).

Sind sie nach dieser Zeit weiterhin symptomfrei, können sie unter medizinischer Aufsicht langsam wieder mit dem Training beginnen.

Empfehlung:
Auf die Möglichkeit der Plasmaspende (Rekonvaleszenz-Plasma n4) zur AK-Gewinnung sollte hingewiesen werden. AK-Bestimmung optional möglich (n2).

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,

1.2. Personen mit zwischenzeitlich neu aufgetretenen Beschwerden*

*Patienten nach positivem PCR-Test und bisher asymptomatischem beziehungsweise oligosymptomatischen Intervall.

Empfehlung:
Befragung, körperliche Untersuchung,

COVID-19-verdächtige Beschwerden:

  • chronische Erschöpfung,
  • Luftnot,
  • klinische Hinweise auf Thrombosen,
  • neurologische Ausfälle,
  • Palpitationen,
  • Ängste,
  • depressive Verstimmung,
  • Traumafolgesymptomatik

Empfehlung:
Weitere gezielte Untersuchungen zeitnah zur Abklärung der Beschwerden
mindesten aber:

  • Labor mit CRP,
  • eventuell Bildgebung Lunge, Herz,
  • Distress-Thermometer

Art und Umfang der weiteren Maßnahmen hängen von Beschwerden und Befunden (z.B. Fieber?) ab.

Im Einzelfall Wiederholung des PCR-Tests auf SARS-CoV-2 erwägen (Reinfektion?).

Empfehlung:
Achten auf eine eventuelle Verstärkung bekannter Vorerkrankungen durch COVID-19
zum Beispiel bei Niereninsuffizienz (8), Diabetes mellitus (4), COPD, Herzinsuffizienz, KHK (9),
neurologische Erkrankungen (12)

Empfehlung:
Bei sportlich aktiven Personen sollte angesprochen werden, ob und wann nach einer SARS-CoV-2-Infektion ein sportliches Training aus medizinischer Sicht wieder aufgenommen werden kann (siehe unter 2.2.1.).

Empfehlung:
Bei Persistenz der Beschwerden eventuelle. Vorstellung in Spezial-Ambulanz.

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,


2. Handlungsempfehlungen für Patienten nach COVID-19

2.1. Patienten nach leichtem Verlauf (nicht stationär, ambulante Betreuung)

Empfehlung:
Grundsätzlich Nachuntersuchungen innerhalb von 3 Monaten.

2.1.1. Personen zum Zeitpunkt der Kontrolle asymptomatisch

Empfehlung:
Befragung, körperliche Untersuchung (wie unter 1.2.)

Empfehlung:
Auf die Möglichkeit der Plasmaspende (Rekonvaleszenz-Plasma n4) zur AK-Gewinnung (7, n4) sollte hingewiesen werden.
Es müssen dazu allerdings die Kriterien wie bei einer „normalen“ Blutspende erfüllt sein.

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,

2.1.2. Personen zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung weiterhin mit Symptomen

Empfehlung:
Befragung, körperliche Untersuchung,

wichtig: klinische Hinweise auf

  • Thrombosen (!),
  • Ängste,
  • depressive Verstimmung,
  • Traumafolgesymptomatik,
  • neurologische Ausfälle,
  • Luftnot,
  • allgemeine Erschöpfung

empfohlene Kontrollen (je nach Befunden):

  • Labor: unter anderem CRP, BB, Kreatinin, D-Dimere, BNP, Troponin, Urinstatus
  • Apparativ: Spiro, Echo, EKG, Ergo, Sono-Abdomen, Duplex-BV,
  • Distress-Thermometer

Empfehlung:
weitere fachärztliche UT oder
Überweisung in die Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen angeraten.

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,

Empfehlung für Sportler mit leichten oder mittelschweren Symptomen:
Sobald alle Symptome vollständig abgeklungen sind, sollte er dem Training noch mindestens zwei Wochen lang komplett fernbleiben!

Je nach Alter, Intensität der sportlichen Tätigkeit und Vorerkrankungen sollte vor Trainingsbeginn eine sportärztliche / fachärztliche UT angeboten werden.

Empfehlung:
Abklärung, ob Kriterien zur Anerkennung als Berufskrankheit vorliegen. (2)

2.2. Personen nach schwerem Verlauf mit stationärer evtl. auch intensivmedizinischer Versorgung

2.2.1. wenn jetzt symptomfrei

Empfehlung:
In Abhängigkeit vom stationären Verlauf sind Nachuntersuchungen (siehe 2.1.2.) dringend anzustreben.

  • Labor: mindestens CRP, BB, Kreatinin, D-Dimere,
  • Apparativ: Spiro, Echo, Sono-Abdomen, Duplex-BV,
  • Distress-Thermometer

Empfehlung:
Bei fortbestehender Immobilität, hoher entzündlicher Aktivität und / oder zusätzlichen Risikofaktoren eventuell prolongierte ambulante Thrombose-Prophylaxe sinnvoll (siehe auch Empfehlungen im Arztbrief) (13)

Empfehlung:
Wiedereinstieg ins sportliche Training: Evaluierung des Risikos mittels zum Beipiel Spiro, Echokardiogramm, Stresstest und Rhythmuskontrolle, Prüfen der Entzündungswerte, gegebenenfalls Vorstellung bei Kardiologen, meist Trainingspause von 3 bis 6 Monaten erforderlich. (10)

Empfehlung:
Abklärung, ob Kriterien zur Anerkennung als Berufskrankheit vorliegen könnten. (2,3)

Empfehlung:
Vorstellung in Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen anzuraten.

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,

2.2.2. bei persistierenden oder wieder aufgetretenen Beschwerden

langfristig regelmäßige Nachuntersuchungen erforderlich wie unter 2.2.1.

zusätzlich:

Empfehlung:
Beratung, ob eine spezielle Reha infrage kommt. (11)
Wiederholte Nachuntersuchungen erforderlich!

Empfehlung:
Abklärung, ob Kriterien zur Anerkennung als Berufskrankheit (2, 3, n7) vorliegen könnten.

Empfehlung:
Vorstellung in Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen dringend zu empfehlen.

Ansprechpartner:
Spezial-Ambulanz für COVID-19-Genesene des Universitätsklinikums Essen,

telefonische Rücksprachen und Terminvereinbarung unter der Rufnummer 0201 / 7 23 47 44,
Montag bis Donnerstag von 13 bis 15 Uhr, Freitag von 12 – 14 Uhr

Sprechstunde donnerstags und freitags von 9 – 14 Uhr,


Anmerkungen und Ansprechpartner

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie Sie sicher bemerkt haben, basieren unsere Empfehlungen in erster Linie auf klinischer Erfahrung im Umgang mit Patienten nach schweren Infektions-Erkrankungen. Covid-19 ist aber erst seit 6 Monaten bekannt, Daten über langfristigen Auswirkungen liegen demzufolge noch nicht vor.

Falls Sie weitere Fragen oder Anregungen zur Nachsorge der Covid-19-Patienten haben wenden Sie sich bitte an die Spezial-Ambulanz des Universitätsklinikums Essen, die Kreisstelle der Ärztekammer Nordrhein oder das Gesundheitsamt der Stadt Essen.

Ansprechpartner und Adressen der genannten Institutionen:

Klinik für Infektiologie , Westdeutsches Zentrum für Infektiologie (WZI), Universitätsklinikum Essen,  Hufelandstr. 55, 45147 Essen
0201 / 7 23 31 71

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, LVR-Klinikum Essen
Kliniken und Institut der Universität Duisburg-Essen, Holsterhauser Platz 6, 45147 Essen
0201 / 4 38 75 52 26

Ärztekammer Nordrhein, Kreisstelle Essen, Frohnhauser Str. 69, 45127 Essen
0201 / 43 60 30 31

Stadt Essen, Gesundheitsamt, Hindenburgstr. 29, 45127 Essen
0201 / 8 85 30 10


Literatur-Links

n1 Striking Similarities of Multisystem Inflammatory Syndrome in Children and a Myocarditis-Like Syndrome in Adults: Overlapping Manifestations of COVID-19

n2 COVID-19: Protektive Antikörper auch nach Monaten noch in Blut und Speichel nachweisbar

n3 COVID-19: Beteiligung der Neuroglia könnte häufige neurologische Symptome erklären

n4 Convalescent Plasma for the Treatment of COVID-19: Perspectives of the National Institutes of Health COVID-19 Treatment Guidelines Panel

n5 COVID-19: neurologische Manifestationen

n6 Welche Bedeutung haben Reinfektionen?

n7 Covid-19: Knapp 19 000 Berufskrankheiten angezeigt

n8 Verursacht SARS-CoV-2 auch bei milden klinischen Verläufen eine Lungenentzündung?

n9 Auch junge Erwachsene können schwer an COVID-19 erkranken – Ärzte sollten auf 3 Risikofaktoren achten

n10 SARS-CoV-2: Studie schätzt den Anteil der asymptomatischen Erkrankungen neu ein

n11 Trending Clinical Topic: Long COVID


  1. COVID-19-Symptome entlassener Patienten persistieren oft über Wochen
  2. Persistent Symptoms in Patients After Acute COVID-19
  3. COVID-19: Kriterien für eine Berufskrankheit
  4. Bisher 5700 COVID-19-Fälle als Berufskrankheit anerkannt
  5. Erst COVID-19, dann Diabetes? Patientenregister soll helfen, die Zusammenhänge zu klären
  6. Distressthermometer
  7. SARS-CoV-2: Rekonvaleszente haben hochpotente neutralisierende Antikörper
  8. Renale Beteiligung bei COVID-19: Spezifische renale Infektion oder multifaktorieller Teil der Systemerkrankung?
  9. Viele Stentthrombosen bei COVID-19-Patienten mit STEMI
  10. Sport nach Corona-Infektion: Warum neben dem Lungen- auch ein Cardio-Check vor Trainingsstart angebracht ist
  11. COVID-19: Empfehlungen zur pneumologischen Reha
  12. Clinical manifestations and evidence of neurological involvement in 2019 novel coronavirus SARS-CoV-2: a systematic review and meta-analysis
  13. Antithrombotic Therapies in COVID-19 Desease: Systematic Review
     

Autorinnen und Autoren

Univ.-Professor Dr. med. Oliver Witzke
Direktor der Klinik für Infektiologie, Zentrum für Innere Medizin, Direktor Westdeutsches Zentrum für Infektiologie

Dr. med. Margarethe Konik
Klinik für Infektiologie Universitätsklinikum Essen

Dr. med. Eva Skoda
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie LVR-Klinikum Essen

Juliane Böttcher
Gesundheitsamt Essen

Dr. med. Matthias Benn
Ärztekammer Nordrhein, Kreisstelle Essen