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Der Klimawandel: „Ein existierendes und die globale Gesundheit bedrohendes Problem“

16.07.2019 Seite 23
RAE Ausgabe 8/2019

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 8/2019

Seite 23

„Fridays For Future“: Düsseldorfer Schülerinnen und Schüler protestieren vor dem Rathaus gegen den Klimawandel und setzen ihren Protestzug im Anschluss auf der Rheinpromenade fort. © We-Ge/istockphoto
Seit bald einem Jahr demonstrieren Jugendliche freitags gegen einen aus ihrer Sicht zu zögerlichen Schutz des Klimas und damit der Lebensgrundlagen künftiger Generationen. Auch unter Ärzten finden die Forderungen der Schüler immer mehr Gehör, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit sollen ein Schwerpunktthema auf dem 123. Deutschen Ärztetag 2020 in Mainz sein.

von Bülent Erdogan und Michael Ganter

Ob Greta Thunberg einmal Ärztin werden möchte? Aus den bisherigen Statements der 16-jährigen Schwedin lässt sich das nicht ermitteln. Mit ihrer Bewegung „Fridays For Future“ (FFF) hat die Schülerin europaweit aber schon Tausende vornehmlich junger Menschen für ein Thema sensibilisiert, das sukzessive auch in der Medizin an Präsenz gewinnt – den Klimawandel. Welche Veränderungen sind für die Versorgung zu erwarten, wenn die Temperaturen weiter ansteigen, Dürren und Hitzeperioden an Häufigkeit und Intensität zunehmen? Was wird der Klimawandel für die Infrastruktur und die Abläufe in Kliniken und Arztpraxen, für Schwangere, Neugeborene, für im Freien herumtollende Kinder, für Alte und Gebrechliche in den eigenen vier Wänden oder dem Seniorenzentrum mit sich bringen? Was folgt daraus, wenn beinahe ganzjährig Pollensaison ist, Malaria-übertragende Mücken oder Giftspinnen heimisch werden oder Zecken sich immer mehr verbreiten? Wie werden sich die Menschen auch mental auf Wetterkapriolen einstellen, wenn aus diesen Kapriolen regelmäßige Zustände werden? 
Der Kinderarzt, Kinderpsychiater und -psychotherapeut Markus Budinger aus Mülheim an der Ruhr hat an mehreren Fridays-for-Future-Demos im Rheinland teilgenommen. „Mein Eindruck ist, dass es diesen jungen Leuten wirklich um die Sache geht und nicht etwa darum, die Schule zu schwänzen.“ Der Arzt begrüßt Initiativen wie die „Doctors For Future“. Budinger: „Ich wünsche mir, dass wir als Ärzteschaft, die hohes gesellschaftliches Ansehen genießt, die Forderungen der Schüler, ihrer Eltern und vieler Wissenschaftler aktiv unterstützen und uns nicht auf die Bewältigung der Folgen des Klimawandels beschränken.“
Umfragen zeigten, dass der Klimawandel die Menschen umtreibe, ergänzt Budinger: „Der Klimawandel kommt also in den Köpfen an und manifestiert sich als Realangst, die hohe Stresslevel, Angst und depressive Symptome mit sich bringen kann.“ 
Der 122. Deutsche Ärztetag in Münster hat kürzlich beschlossen, sich auf dem kommenden Ärztetag in Mainz schwerpunktmäßig mit dem Klimawandel als einer der zentralen Gesundheitsfragen des 21. Jahrhunderts zu befassen: „Der Klimawandel hat bereits jetzt ernsthafte Auswirkungen auf das menschliche Leben und die Gesundheit. Die meisten Klimaschutzmaßnahmen gehen zudem mit erheblichen Vorteilen für die Gesundheit einher“, heißt es in einer Entschließung des Ärztetages.
Auch die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) sieht die globale Erwärmung als Thema an, bei dem aktiv zu werden auch ärztlich notwendig sei. Im vergangenen November verabschiedete die bvmd in Greifswald das Positionspapier „Klima und Gesundheit“. Die Erderwärmung stelle ein „existierendes und zunehmendes, die globale Gesundheit bedrohendes Problem“ dar. Als direkte Folgen nennen die Medizinstudierenden Hitzewellen, Dürre, Hochwasser, Fluten, Stürme und Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit. Indirekte Folgen seien wirtschaftliche, landwirtschaftliche und gesellschaftliche Instabilität, Infektionserkrankungen, psychische Belastungen und eine verstärkte Migrations- und Landbewegung großer Bevölkerungsteile. 
„Das deutsche Gesundheitssystem ist für Hitzewellen, wie sie erwartet werden, nicht vorbereitet“, sagt Sylvia Hartmann vom bvmd im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt und ergänzt: „Insbesondere Menschen mit einer erhöhten Vulnerabilität wie Kinder, Kranke oder Senioren sind besonders gefährdet.“ Bereits in den vergangenen Jahren haben Psychologen über das vermehrte Auftreten von Depressionen, Angststörungen und Suiziden nach Katastrophen wie Überschwemmungen oder Wirbelstürmen berichtet.
Der Gummersbacher Hausarzt Dr. Ralph Krolewski bezeichnet den Klimawandel als größte Herausforderung des Gesundheitswesens im 21. Jahrhundert. Krolewski mischt im Netzwerk „Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit“ mit und nahm im November 2018 am WHO Summit Climate Change and Health der Weltgesundheitsorganisation im Rahmen der UN-Klimakonferenz in Katowice teil. Krolewski sieht in der Vorbereitung auf künftige Hitzewellen eine der wichtigsten Aufgaben zum Schutz von Patienten. Notwendig ist aus seiner Sicht hierfür eine engere Zusammenarbeit der Ärzteschaft mit Institutionen wie dem Deutschen Wetterdienst (DWD) oder dem Umweltbundesamt. Der DWD mit Sitz in Offenbach hat Mitte 2017 sein Hitzewarnkonzept erneuert. Stadtbewohner, ältere und erkrankte Menschen sollen besser über Hitzewellen und deren mögliche Folgen informiert werden, berichtet Krolewski im Gespräch mit dem RÄ. Er spricht sich für kommunale Hitzeaktionspläne aus.
Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte 2017 den Report „The Lancet Countdown: Tracking Progress on Health and Climate Change” – www.lancetcountdown.org/. Die Initiative unter dem Dach des Magazins versteht sich als Forschungsgemeinschaft, die nachhalten möchte, welche Antworten die Welt auf den Klimawandel gibt. Das British Medical Journal (BMJ) ist Teil der UK Health Alliance on Climate Change – www.bmj.com/company/roundtables-2/. In den USA heißt das Pendant US Climate Health Alliance – www.usclimateandhealthalliance.org 

„Wir müssen Patienten schützen, sie auf Gefährdungen hinweisen und gemeinsam mit ihnen Vorsorge treffen.“

Alles nur Hype oder doch höchste Zeit? Folgt auf die „Klimaangst“ schon bald der nächste Thrill? Oder werden Mediziner eines Tages gar klimaassoziierte Diagnosen codieren? Jedenfalls hat es den Anschein, als verstärkten sich die Aktivitäten von Ärzten vor Ort und globale Initiativen mit ihren Calls-To-Action gegenseitig. Hierzulande hat der Deutsche Hausärzteverband, ebenfalls im Herbst 2018, eine Resolution verabschiedet, mit der sich die Allgemeinmediziner einer Deklaration des Weltärztebundes WMA anschließen (siehe Kasten). Im April dieses Jahres brachten Vertreter des nordrheinischen Hausärzteverbands auf der außerordentlichen Vertreterversammlung der KV Nordrhein einen Antrag mit der Forderung ein, die Bereitschaftsdienste und die Arztrufzentrale mit dem Hitzewarnsystem des DWD zu verbinden und in die Hitzeaktionspläne der Gebietskörperschaften einzubeziehen. Der Antrag wurde mit 17 zu zwölf Stimmen ohne inhaltliche Befassung an den Vorstand überwiesen. „Wir müssen Patienten schützen, sie auf Gefährdungen hinweisen und gemeinsam mit ihnen Vorsorge treffen“, sagt Dr. Oliver Funken, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Nordrhein. Die sich verändernden Umweltbedingungen begünstigten die Ausbreitung bisher für diese Breiten untypischer Krankheiten.
Das nordrhein-westfälische Umweltministerium legte im Herbst 2018 einen Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels in NRW vor. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser sagte damals: „Viele dachten lange Zeit, Klimawandel betreffe nur Inseln im Pazifik. Dem ist aber nicht so. Wir werden uns an Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, lange Trockenperioden, Hagel, Starkregen und Überschwemmungen auch bei uns gewöhnen müssen.“ 
Die Folgen des Klimawandels sind in den (Früh-)Sommermonaten in vielen Gebäuden schon spürbar. Manches oft ohnehin überfüllte Wartezimmer ist im Sommer ein Hitzefang, denn leistungsstarke Klimaanlagen gehörten in den vergangenen Jahrzehnten nicht zur Basisausstattung von Gebäuden. Zusätzlich zur Erkrankung und zur Wartezeit kann dann auch der Kampf mit Temperaturen und Luftfeuchte die Resilienz und Contenance des Patienten mindern. 
Die Anschaffung einer Klima- oder einer Lüftungsanlage oder einer Wärmepumpe kann schnell mit einem höheren Betrag zu Buche schlagen. Was bei einem Niedergelassenen, sofern ihm die Praxis selbst gehört, mit Investitionskosten von einigen Tausend Euro sein Bewenden hätte, das kann bei einem Krankenhaus schnell ganz andere Dimensionen erreichen.
Zuständig für die Investitionen in die Kliniken ist das Land. Die nachträgliche Klimatisierung zum Beispiel von Bettentrakten schmälert das Budget für Investitionen an anderer Stelle. Ob klimatisch sanierte Patientenzimmer eines Tages wirklich den Vorzug vor der Modernisierung von OP-Trakten oder der Anschaffung bildgebender Geräte der neuesten Generation erhalten werden? 
 

Ärzte in globaler Mission


Die Klimaschutz-Forderungen des Welt-ärztebunds (World Medical Association, WMA) 

•    Der Weltärztebund fordert Ärzte, nationale Mitgliedsverbände und medizinische Organisationen dazu auf, sich für den Schutz des Klimas einzusetzen und den Klimawandel als vorrangige Aufgabe zu betrachten.

•    Der Weltärztebund setzt sich für ein ‚Divestment‘, also den Abzug von Kapital aus Firmen und Technologien ein, deren Geschäfte auf der Verbrennung fossiler Rohstoffe basieren.
•    Der Weltärztebund unterstützt die Kernforderungen des Pariser Abkommens nach einer Begrenzung der zu erwartenden Erderwärmung auf möglichst 1,5 und in jedem Fall auf unter zwei Grad Celsius.

•    Der Weltärztebund unterstützt Studien, in denen die durch den Klimawandel verursachten Krankheitsbilder beschrieben werden, einschließlich der Auswirkungen des Klimawandels auf Gemeinschaften und Haushalte.