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Praxis

Grippeimpfung für Gesundheitsberufe: mehr als nur Selbstschutz

14.08.2025 Seite 23
RAE Ausgabe 9/2025

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 9/2025

Seite 23

Die STIKO stuft medizinisches Personal als „Personen mit erhöhter Gefährdung“ ein und rät jährlich zur Grippeschutzimpfung im Herbst. © VRD/stock.adobe.com

Trotz STIKO-Empfehlung bleiben die Influenza-Impfquoten bei den Beschäftigten in deutschen Krankenhäusern niedrig. Dabei gilt die Grippeschutzimpfung als zentraler Baustein zum Schutz vulnerabler Patientinnen und Patienten. Innerhalb der Berufsgruppen zeigt sich zudem eine unterschiedliche Impfbereitschaft.
 

von Marc Strohm

Ärztinnen und Ärzte sind während der Grippesaison besonders gefordert: Einerseits behandeln sie täglich Patientinnen und Patienten mit Atemwegserkrankungen und sind dabei einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Andererseits können sie selbst zur Infektionsquelle für vulnerable Personen werden, für die eine Influenza-Infektion schwere bis lebensbedrohliche Folgen haben kann.

Die Grippeschutzimpfung für medizinisches Personal ist eine einfache, aber effektive Maßnahme, um sowohl sich selbst als auch besonders gefährdete Patientinnen und Patienten zu schützen, sagt Professor Dr. Jörg Timm. Der Virologe am Universitätsklinikum Düsseldorf vertritt die Ärztekammer Nordrhein beim Runden Tisch Impfung im NRW-Gesundheitsministerium und wirbt bei seinen Kolleginnen und Kollegen für eine konsequente Umsetzung der STIKO-Empfehlung, die medizinisches Personal als „Personen mit erhöhter Gefährdung“ einstuft und zur jährlichen Grippeschutzimpfung im Herbst rät.

Doch insbesondere in den Kliniken wird das Potenzial zur Influenza-Impfung nicht ausgeschöpft, kritisiert Timm im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. In der Grippesaison 2022/23 waren lediglich 58,7 Prozent des Klinikpersonals gegen Influenza geimpft, wie die aktuelle OKaPII-Studie des Robert Koch-Instituts aus dem vergangenen Jahr zeigt, an der rund 15.300 Beschäftigte aus 115 Kliniken teilnahmen. Die Studie offenbart zudem erhebliche Unterschiede zwischen den Berufsgruppen: Während innerhalb der Ärzteschaft eine Impfquote von rund 80 Prozent erreicht wurde, lag sie bei den Pflegekräften bei lediglich 51 Prozent.

Hohe Krankenstände belasten das Gesundheitssystem

Als eine Ursache für Impf-Skepsis sieht Timm Fehlinformationen. Verbreitet sei zum Beispiel der Irrglaube, dass die Impfung selbst Grippe auslösen könne. Dabei würden harmlose Impfreaktionen wie ein leichtes Krankheitsgefühl oder Abgeschlagenheit häufig mit einer echten Grippeerkrankung verwechselt.
 
Neben dem Eigen- und Fremdschutz könne eine hohe Impfquote zudem helfen, krankheitsbedingte Personalausfälle in den Kliniken zu reduzieren, erklärt Timm. Laut einer Auswertung des BKK Dachverbandes lag der durchschnittliche Krankenstand der Beschäftigten im Gesundheitswesen im November 2023 bei 7,51 Prozent und damit leicht über dem allgemeinen Durchschnitt von sieben Prozent – in Pflegeheimen und stationären Einrichtungen stieg er sogar auf über zehn Prozent. In mehr als jedem vierten Fall war eine Atemwegserkrankung Hauptursache für den Ausfall.

Hygiene ist essenziell

Zusätzlich zu einer hohen Durchimpfungsrate bleibe aber auch die konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen unerlässlich, betont der Virologe. Denn auch geimpftes Personal könne das Virus weiterhin übertragen. Zudem schütze die Influenza-Impfung nicht vor anderen Atemwegserkrankungen wie dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), Adenoviren oder Corona. Deshalb sei auch bei geimpftem Personal die konsequente Händedesinfektion, das Tragen von Masken bei engem Patientenkontakt sowie das Einhalten von Husten- und Niesetikette essenziell. Treten beim Personal selbst Anzeichen einer Infektion auf, sollte zum Schutz der Patientinnen und Patienten auf den unmittelbaren Patientenkontakt verzichtet werden. „Dann ist eine Krankschreibung unabdingbar“, so Timm.
 
Impfmüde Risikogruppen

Auch außerhalb der Gesundheitseinrichtungen besteht Handlungsbedarf. Die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Kommission empfehlen eine Influenza-Impfquote von 75 Prozent für Risikogruppen. In Nordrhein-Westfalen wird dieses Ziel bislang deutlich verfehlt. So liegt die Impfquote bei den über 60-Jährigen bei 37,8 Prozent, bei Schwangeren sogar bei lediglich 22 Prozent. „Wir als Ärztinnen und Ärzte begegnen im Praxisalltag vielen Risikopatienten. Wir sollten diese Gelegenheiten nutzen, aktiv zur Impfung zu beraten und aufzuklären“, appelliert Virologe Timm an die Kollegenschaft.