Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg und hinterließ Millionen vergewaltigter Frauen und Mädchen. Im Bosnienkrieg, der vor 30 Jahren zu Ende ging, wurden Schätzungen zufolge bis zu 50.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt, gefoltert oder sexuell versklavt. Das Leid der Betroffenen blieb lange Zeit ein gesellschaftliches Tabu. Die Hilfsorganisation medica mondiale hat sich dem Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt verschrieben, die in ihren Augen keine Ausnahme ist, sondern ein System.
von Heike Korzilius
Im November 1992, wenige Monate nach Beginn des Bosnienkrieges, berichtete der „Stern“ über die Massenvergewaltigung bosnischer Frauen. Für Dr. Monika Hauser gab das den Anstoß zu handeln. Die damals 33-jährige Gynäkologin wollte helfen – und zwar vor Ort. Mitten im Krieg gelang es ihr, gemeinsam mit einheimischen Psychologinnen und Ärztinnen im bosnischen Zenica ein Therapiezentrum und damit eine erste Anlaufstelle für kriegsvergewaltigte Frauen und Mädchen zu eröffnen. Es war zugleich die Geburtsstunde der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, die heute ihren Sitz in Köln hat und deren Vorstandsvorsitzende Hauser ist.
Die Opfer werden stigmatisiert
„Der Bedarf an ganzheitlicher Unterstützung war damals unglaublich groß – und ist es bis heute, denn noch immer werden gewaltbetroffene Frauen stigmatisiert und erhalten nicht die gesellschaftliche Unterstützung, die sie brauchen“, erklärt Hauser gegenüber dem Rheinischen Ärzteblatt. Mit vielen Klientinnen aus dem Therapiezentrum in Zenica, aber auch mit Fachfrauen der ersten Stunde, steht sie noch immer in Verbindung. „Wir treffen uns bei Tagungen wieder oder sind über die Jahre enge Freundinnen geworden“, so Hauser. Manche der Klientinnen hätten sich später selbst gegen sexualisierte Kriegsgewalt engagiert oder arbeiteten bis heute bei medica mondiales Partnerorganisation Medica Zenica. Die Kraft und der Mut vieler betroffener Frauen beeindruckten sie bis heute, sagt Hauser. Da sei zum Beispiel die Geschichte von Ajna, Tochter einer der ersten Klientinnen des Therapiezentrums, einer Frau, die im Bosnienkrieg vergewaltigt wurde. Auch Dank der Unterstützung von Medica Zenica habe sich die Klientin damals für ihr Kind entscheiden können. Und diese Tochter habe als erwachsene Frau selbst eine Organisation gegründet, die sich für „Children born of war“ einsetzt, für Kinder aus Kriegsvergewaltigungen.
Vergewaltigung als Waffe
Sexualisierte Kriegsgewalt ist aus Sicht von medica mondiale weder ein Phänomen der neueren Zeit noch eine Ausnahmeerscheinung. Vergewaltigungen würden in allen Kriegen systematisch als Waffe eingesetzt. Sie seien die „logische“ Fortsetzung und eine der massivsten Folgen der weltweit vorherrschenden patriarchalen Strukturen mit ihren Abhängigkeiten und ihrem Machtgefälle. medica mondiale verfolgte deshalb von Anfang an eine Doppelstrategie: auf der einen Seite die direkte Unterstützung der von Gewalt betroffenen Frauen, auf der anderen Seite das Ziel, gesellschaftliche Veränderungen durch mehr Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Sexualisierte Gewalt müsse als Unrecht anerkannt, sie müsse dokumentiert und geahndet werden, fordert die Organisation. Denn die Folgen nicht bearbeiteter Traumata würden oft an Kinder und Enkelkinder weitergegeben.
Seit Jahren rückt medica mondiale deshalb die lange tabuisierte sexualisierte Kriegsgewalt während des Zweiten Weltkriegs immer wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Bis zu zwei Millionen Frauen und Mädchen wurden Schätzungen zufolge allein in Deutschland am Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Soldaten vergewaltigt. Dazu kamen die Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den von der Wehrmacht und der SS besetzten Gebieten sowie die sexualisierte Gewalt in den Konzentrationslagern. Studien zeigten, dass etwa die Hälfte der Betroffenen langfristig unter Symptomen wie Schlaflosigkeit, unkontrollierbaren Erinnerungsblitzen und Angstzuständen litten, heißt es in der Broschüre „Kein Krieg auf meinem Körper“, die medica mondiale 2019 mit Fachbeiträgen zu sexualisierter Gewalt, Trauma und Gerechtigkeit – so der Untertitel – herausgegeben hat. Dabei seien in der Nachkriegszeit die Vergewaltigungen von Müttern, Großmüttern, aber auch von jungen Mädchen in den Familien fast durchgängig tabuisiert und verschwiegen worden, schreibt die ärztliche Psychotherapeutin Professor Dr. Luise Reddemann dort. Die Folgen der Nichtbearbeitung und Verdrängung zeigten sich bei den Betroffenen zuweilen in psychischen und somatischen Erkrankungen, Drogenmissbrauch, Suizidversuchen und neuer Gewalt. Aber auch Ehen und Beziehungen zu den eigenen Kindern litten unter den Vergewaltigungserfahrungen der Ehefrauen und Mütter, weil die Betroffenen zum Beispiel Nähe nicht mehr zulassen könnten. Die Folge: Das unbearbeitete Trauma prägt oft noch die nachfolgenden Generationen.
Rechtliche Fortschritte
Auch 1995 in Bosnien mussten Frauen über sexualisierte Gewalterfahrungen schweigen, um gesellschaftlich nicht ausgegrenzt zu werden. Doch seither hat es im Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt formal durchaus Fortschritte gegeben. So verpflichteten sich im Jahr 2000 die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in UN-Resolution 1325 dazu, Frauen und Mädchen in bewaffneten Konflikten und in der Nachkriegszeit vor sexualisierter Gewalt zu schützen und sie gleichberechtigt an Friedensprozessen und am Wiederaufbau zu beteiligen. Seit 2008 gelten Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt völkerrechtlich als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (UN-Resolution 1820). In der sogenannten Istanbul-Konvention, die auch Deutschland 2018 ratifiziert hat, verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, geschlechtsspezifische Gewalt umfassend zu bekämpfen – durch Schutzmaßnahmen, Prävention und konsequente Strafverfolgung.
Auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat das Thema einen anderen Stellenwert bekommen, seit im Jahr 2018 der Friedensnobelpreis an zwei Aktivisten gegen sexualisierte Kriegsgewalt verliehen wurde. Der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege hat in seinem Krankenhaus in Bukavu im Osten der Demokratischen Republik Kongo über die Jahre Zehntausende kriegsvergewaltigte Frauen und Mädchen operiert und medizinisch versorgt. Die irakische Jesidin Nadia Murad wurde selbst Opfer sexualisierter Gewalt durch den sogenannten Islamischen Staat. Das Nobelkomitee ehrte sie für ihren Mut, das Schweigen über solche Taten gebrochen und den Opfern sexueller Gewalt eine Stimme gegeben zu haben. Monika Hauser selbst war bereits 2008 für ihr Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden.
„Wir haben heute eigentlich einen breiten rechtlichen Rahmen, international und national. Die Gesetzgebung für die Strafverfolgung und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten hat sich verbessert“, erklärt Hauser. Die Umsetzung gestalte sich jedoch nach wie vor schwierig, weil es häufig an politischem Willen, an finanziellen und personellen Ressourcen mangele. „Daher fordert medica mondiale, die Strafverfolgung von Tätern nach internationalem Strafrecht stärker zu fördern und politisch zu unterstützen“, sagt Hauser. Dafür müsse auch die Fachexpertise innerhalb der deutschen Justiz- und Sicherheitsbehörden auf- und ausgebaut werden. Außerdem müsse in Ermittlungs- und Gerichtsverfahren die psychosoziale Betreuung von Überlebenden sexualisierter Gewalt sowie von Zeuginnen und Zeugen sichergestellt und stress- und traumasensibel umgesetzt werden. „Überlebende brauchen körperliche und materielle Sicherheit, psychosoziale und medizinische Unterstützung sowie rechtliche Beratung“, fordert Hauser.
Neben der rechtlichen Situation habe sich auch politisch, gesellschaftlich und medial viel verändert, meint die Frauenrechtlerin. Sexualisierte Kriegsgewalt werde nicht mehr als „Kollateralschaden“ oder „vermeintliches Nebenprodukt“ von Kriegen wahrgenommen, sondern als das, was sie sei: eine schwere Menschenrechtsverletzung. Sexualisierte Gewaltverbrechen würden heute besser dokumentiert als noch vor 30 Jahren und es gebe in einigen Ländern Entschädigungszahlungen für betroffene Frauen.
Frauenrechte sind bedroht
Zugleich bestehen Hauser zufolge aber die Ursachen der Gewalt fort. Nach wie vor würden Frauen benachteiligt, weil sie Frauen seien, und patriarchale Machtverhältnisse würden fortgeschrieben. Weltweit und auch in Deutschland sei zu beobachten, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen wieder zunehme, dass Frauenrechtsorganisationen bedroht und ihre Handlungsspielräume eingeschränkt würden, dass rechtspopulistische und antifeministische Bewegungen erstarkten und die Rechte und Selbstbestimmung von Frauen und Mädchen in Frage stellten. „Daher brauchen wir dringend auch weiterhin eine feministische Außen- und genauso Innenpolitik“, fordert Hauser. Die Verteidigung von Frauenrechten, der Schutz von Frauen und Mädchen und die Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt dürfe nicht gegen vermeintlich größere Konflikte ausgespielt werden. In der Politik der Bundesregierung seien der Schutz und die Rechte von Frauen bisher allerdings nur eine Randnotiz.
Für Frauenrechte, gegen sexualisierte Gewalt
medica mondiale setzt sich seit 1993 in Projekten weltweit für die Rechte und die Gesundheit von Mädchen und Frauen in Kriegs- und Krisengebieten ein. Informationen: www.medicamondiale.org; Spendenkonto: Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE92 3705 0198 0045 0001 63.