Im dritten Jahr in Folge hat die Ärztekammer Nordrhein junge Ärztinnen und Ärzte zu ihrer Situation in der fachärztlichen Weiterbildung befragt. Das Ziel: Probleme erkennen und die notwendigen Konsequenzen ziehen. Allerdings haben sich lediglich – aus Sicht der Kammer enttäuschende – acht Prozent der angeschriebenen Ärzte an der Befragung beteiligt und nur knapp die Hälfte von ihnen würde ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen.
von Heike Korzilius
„Beinahe keine Weiterbildung. Learning by doing, kein Personal“, „Weiterbildung wird im Krankenhaussystem zu wenig berücksichtigt. Dienste gehen immer vor“, „Das Logbuch nicht erst am Ende ausgefüllt zu bekommen, wäre schön“ – Die Freitextantworten bei der diesjährigen Evaluation der Weiterbildung spiegeln wider, dass sich die Ergebnisse in den vergangenen Jahren kaum verbessert haben. Lediglich 47 Prozent der Befragten würden ihre Weiterbildungsstätte weiterempfehlen. 2024 waren es noch 54 Prozent gewesen.
Mit 72,6 Prozent ist auch der Anteil der Ärztinnen und Ärzte unverändert hoch, denen bei der Aufnahme ihrer Tätigkeit an der aktuellen Weiterbildungsstätte kein Weiterbildungsprogramm ausgehändigt wurde (2024: 72,32). Das sei umso erstaunlicher, als jeder Weiterbilder ein solches Programm vorlegen müsse, wenn er bei der Ärztekammer die Befugnis zur Weiterbildung beantrage und er zudem im Rahmen der verpflichtenden Fortbildung „Verantwortung als Weiterbilder“ auf die Aushändigung hingewiesen werde, heißt es aus der Weiterbildungsabteilung der Kammer. Auch Weiterbildungsgespräche seien vorgeschrieben, würden aber nur in jedem zweiten Fall regelmäßig geführt.
Geschmälert wird die Aussagekraft der Evaluationsergebnisse durch die geringe Beteiligung. Von 15.401 angeschriebenen Ärztinnen und Ärzten antworteten nur 1.240, also gerade einmal rund acht Prozent. Zu dem niedrigen Wert dürften auch Streuverluste beigetragen haben. Denn ihren kurzen Standardfragebogen hatte die Kammer im Frühjahr per E-Mail an alle Mitglieder bis zum Alter von 45 Jahren geschickt, die bis dahin ohne Facharztbezeichnung waren. Dabei war nicht klar, ob alle Angeschriebenen auch tatsächlich eine Weiterbildung durchlaufen. Denn ein Register sämtlicher Ärztinnen und Ärzte, die in Nordrhein eine Weiterbildung absolvieren, gibt es bislang nicht.
Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Sven Dreyer, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema Weiterbildung befasst und der Weiterbildungskommission der Kammer vorsitzt, will das zeitnah ändern. „Wir brauchen die Daten, wer sich wo und seit wann in der Weiterbildung befindet“, sagt Dreyer im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt. Zum einen könne man dann die Weiterzubildenden gezielt direkt kontaktieren und den ein oder anderen auf diese Weise zusätzlich zur Teilnahme an der jährlich stattfindenden Evaluation motivieren. Zum anderen benötigten die Kammern in Zeiten des Fachkräftemangels einen Überblick darüber, in welchen Gebieten sich die angehenden Fachärztinnen und -ärzte spezialisieren und wie lange sie dafür im Durchschnitt brauchen.
Von denjenigen, die in diesem Jahr an der Befragung teilnahmen, befanden sich 13 Prozent in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin; 12,5 Prozent absolvierten eine Weiterbildung in Innerer Medizin; zwölf Prozent in Anästhesie; jeweils 6,5 Prozent in Gynäkologie und Geburtshilfe sowie in Orthopädie und Unfallchirurgie. Sechs Prozent befanden sich in Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Die übrigen 43,5 Prozent verteilten sich auf 46 andere Fachrichtungen.
Register für den Überblick
Die Landesärztekammer Hessen hat bereits im Jahr 2013 mit dem Aufbau eines Weiterbildungsregisters begonnen und bittet seither einmal jährlich im Oktober sämtliche Weiterbildungsbefugten in den Gebieten, ihre Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zu melden. Zusatz- und Schwerpunktweiterbildungen werden der Ärztekammer Hessen zufolge bei der Abfrage nicht berücksichtigt. Das Register diene in erster Linie dazu, potenzielle Engpässe in der zukünftigen ärztlichen Versorgung zu identifizieren und frühzeitig gegensteuern zu können, heißt es aus der Kammer. Außerdem könnten bei Evaluationen die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung direkt und ohne „Umweg“ über die Weiterbildungsbefugten angeschrieben werden.
Die Ärztekammer Hamburg hat die Abfrage für das Weiterbildungsregister im vergangenen Jahr als Test durchgeführt. Rund ein Drittel der Befugten habe geantwortet, erklärte die Kammer auf Anfrage. „Das ist für den Test in unseren Augen ein guter Wert, wenn auch noch nicht ausreichend, um valide Aussagen treffen zu können“, heißt es dort. Inzwischen sei die Abfrage für die Weiterbilder in Hamburg verpflichtend. Deshalb hoffe man auf aussagekräftigere Daten in der diesjährigen Abfrage. „Mit dem Weiterbildungsregister schaffen wir die Grundlage für eine weitere und vor allem datengestützte Qualitätssicherung in der Weiterbildung“, ist der Präsident der Ärztekammer Hamburg, Dr. Pedram Emami, überzeugt.
Auch Nordrheins Präsident Dreyer verspricht sich von einem Weiterbildungsregister wertvolle Informationen und ein umfassenderes Bild der Lage. Zurzeit sei es schwierig einzuschätzen, warum sich die Umfragewerte nicht steigern, obwohl inzwischen einige Maßnahmen ergriffen worden seien, um die Lehre in der Weiterbildung zu verbessern – was auch von den Weiterzubildenden zunehmend eingefordert werde. Bereits seit etwa drei Jahren bietet die Ärztekammer Nordrhein regelmäßig in Präsenz und online die verpflichtende Fortbildungsveranstaltung „Verantwortung als Weiterbilder“ an. Der Leiter der Weiterbildungsabteilung der Kammer, Olaf Tkotsch, erläutert dort die wichtigsten Bestimmungen der Weiterbildungsordnung sowie die Rechte und Pflichten der Weiterbilder. Ab September 2025 bietet zudem die Ärztliche Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung in Nordrhein die ersten Kurse „Didaktiktraining für Weiterbilder“ an. Diese sind für Weiterbilder, die erstmals eine Weiterbildungsbefugnis beantragen, ebenfalls verpflichtend. Das hatte der 128. Deutsche Ärztetag im Mai 2024 beschlossen. Damit sollen die Weiterbilder medizindidaktisches Rüstzeug an die Hand bekommen, um Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten ihres Fachs angemessen vermitteln zu können.
Neben diesen Maßnahmen erwägt Kammerpräsident Dreyer, den sogenannten strukturierten Dialog mit denjenigen Weiterbildern, die bei der Evaluation schlecht abgeschnitten haben, wiederaufzunehmen. Dieses Format des Peer Reviews musste aufgrund personeller Engpässe vorübergehend eingestellt werden. „Die betroffenen Weiterbilder waren in der Vergangenheit jedenfalls immer sehr dankbar für den Dialog“, sagt Dreyer. Zur Qualitätsverbesserung könne möglicherweise auch die weitere Verbreitung von Gütesiegeln beitragen. Beispielsweise verleihe der Marburger Bund (MB) auf Initiative junger Ärztinnen und Ärzte in den Landesverbänden Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz, Saarland, Berlin/Brandenburg und Hessen das Siegel „Gute Weiterbildung“. Dabei wird bei den Bewerbern um das Siegel ein Zertifizierungsverfahren durchgeführt, das die Befragung sämtlicher Ärztinnen und Ärzte der Fachabteilung einschließt. Man wolle zeigen, dass gute Weiterbildung möglich ist, heißt es aus dem MB.
Weiterbildung: besser als ihr Ruf
Dreyer macht darüber hinaus auch die äußeren Rahmenbedingungen für die zum Teil unbefriedigende Lage der Weiterzubildenden mitverantwortlich. „Das finanzielle Korsett in den Krankenhäusern und in den Praxen der niedergelassenen Ärzte wird zunehmend enger, was gleichzeitig bedeutet, dass Zeit für Weiterbildung fehlt.“ Wenn zum Beispiel der OP-Manager in der Klinik aus wirtschaftlichen Erwägungen eine höhere Taktzahl anmahne, nähe eben nicht der Arzt in Weiterbildung die Anastomose, sondern der Oberarzt. Eine Herausforderung für die Weiterbildung sei auch die Krankenhausreform, wie sie in Nordrhein-Westfalen derzeit umgesetzt werde. Spezialisierung und Zentrenbildung könnten dazu führen, dass junge Ärztinnen und Ärzte ihre Weiterbildung nicht mehr ausschließlich an einer Weiterbildungsstätte absolvieren können. Hier müssten verbindliche Rotationen und Weiterbildungsverbünde geschaffen werden, um dem ärztlichen Nachwuchs eine reibungslose Spezialisierung ohne Brüche zu ermöglichen. „Da sind auch wir Ärztekammern gefordert, gegenüber der Politik entsprechende Regelungen anzumahnen“, erklärt Dreyer.
Welchen Stellenwert kann man vor diesem Hintergrund den regelmäßigen Evaluationen der Weiterbildung zumessen? „Ich finde sie zwingend notwendig, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was draußen vor sich geht“, betont der Kammerpräsident. „Die Umfragen müssen aber unbedingt repräsentativer werden.“ Alles in allem sei die Weiterbildung vermutlich auch besser als ihr Ruf. Dreyer macht das an den Ergebnissen der Facharztprüfungen fest. Die Durchfallquote liege bei niedrigen fünf bis sechs Prozent. „Das spricht dafür, dass die jungen Ärztinnen und Ärzte über ihre Weiterbildungszeit hinweg gelernt haben, ihr Fach selbstständig zu vertreten und ihre Patientinnen und Patienten gut zu behandeln.“