In seiner Begrüßungsrede hob Dr. med. Peter Kaup, Vorsitzender der Kreisstelle Oberhausen und Initiator der Fortbildungsreihe, die Bedeutung der gemeinsamen Arbeit in der ärztlichen Selbstverwaltung und den starken Zusammenhalt unter den Mitgliedern positiv hervor. Dieser sei in Oberhausen in der gemeinsamen Patientenversorgung spürbar und spiegele sich auch in der konstant hohen Teilnehmerzahl der Veranstaltung wider. Zudem wies Kaup auf die gute Zusammenarbeit der Kammer mit der Stadt hin, besonders während der Corona-Krise, und lobte den entstandenen Teamgeist.
Manfred Flore, Bürgermeister der Stadt Oberhausen, würdigte in seiner Grußrede die besondere Bedeutung und den Einsatz der Oberhausener Ärzteschaft für eine Patientenversorgung auf hohem Niveau, die er auch als Patient in der Hausarztpraxis positiv erfahre – trotz der Komplexität des Gesundheitssystems mit seinen vielen unterschiedlichen Interessen und der zu beobachtenden Anspruchshaltung der Patienten. Mit dem Bild eines Spinnennetzes macht er deutlich, dass jede Veränderung Auswirkungen auf das Ganze hat, und erkannte abschließend an, wie schwierig die Aufgabe der Gesundheitspolitik und -steuerung sei.
Dr. med. Arndt Berson, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein und selber Hausarzt, verdeutlichte in seinem Grußwort die Bedeutung geschlechtersensibler Medizin anhand von Beispielen, die ihm aus der eigenen Praxis wohlbekannt seien. Männer und Frauen zeigten teils unterschiedliche Symptome und Krankheitsverläufe – etwa bei Brustschmerz, Migräne oder Depression – was eine angepasste Diagnostik und Behandlung erfordere. Eine geschlechtersensible Forschung und ärztliche Praxis seien zentrale Voraussetzungen für bessere Versorgung und Prävention. Nordrhein-Westfalen sei mit mehreren Initiativen, Instituten und Netzwerken zur Gendermedizin, unter anderem an den Universitäten Witten-Herdecke, Duisburg-Essen und Bonn, in diesem Bereich gut aufgestellt. Berson dankte Dr. Kaup und der Kreisstelle Oberhausen für ihr Engagement und freute sich über die starke Resonanz auf die Veranstaltung.
Aktuelle Erkenntnisse aus der Gendermedizin präsentierte Professor Dr. rer. nat. Anke Hinney, Leiterin des Instituts für Geschlechtersensible Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, in ihrem Impulsvortrag. Die Referentin zeigte auf, dass das Ignorieren von biologischem Geschlecht und sozialem Gender in Forschung und Versorgung ein ernstes Gesundheitsrisiko induziere und im schlimmsten Fall zu diagnostischen sowie therapeutischen Fehlern führe, die buchstäblich Leben kosten könnten. Sie plädierte dafür, Geschlecht in allen Stufen von Forschung, Ausbildung und klinischer Praxis systematisch mitzudenken, um Männer und Frauen evidenzbasiert und gerecht zu behandeln.
Der gar nicht so kleine Unterschied
Hinney schilderte eindrucksvoll, wie stark biologische Unterschiede, zum Beispiel im Bereich der Chromosomen, Hormone und Organfunktionen, und soziokulturelle Faktoren wie Lebensstil, Rollenbilder und Beruf Krankheitsrisiken und -verläufe in beiden Geschlechtern beeinflussten. Sie betonte, dass "Gender Medicine" keine reine Frauenmedizin sei, sondern darauf ziele, beiden Geschlechtern bessere Diagnostik, Therapie und Prävention zu ermöglichen.
An Beispielen wie dem Herzinfarkt, der Lebertransplantation, Autoimmunerkrankungen, Infektionen (inklusive Covid 19), Osteoporose, Depression und Brustkrebs verdeutlichte Hinney, dass Frauen und Männer unterschiedliche Häufigkeiten, Symptome, Verläufe und Versorgungspfade haben – mit teils gravierenden Nachteilen besonders für das jeweils seltener betroffene Geschlecht. Ein zentrales Beispiel sei die verzögerte Versorgung von Frauen beim Herzinfarkt und die strukturelle Benachteiligung von Frauen bei der Lebertransplantation aufgrund diverser Kriterien der Empfängerauswahl.
Die Genetikerin hat in ihrer Forschung 2017 ein Gen zur Anorexia Nervosa nachgewiesen, das zeigt, dass die Essstörung erblich sein kann. Sie illustrierte anhand genomweiter Assoziationsstudien, dass geschlechtsspezifische Auswertungen genetischer Daten neue, sonst übersehene Risikogene sichtbar machten und damit entscheidend für das Verständnis von Adipositas und Essstörungen seien.
Die Exklusion von Frauen aus klinischen Studien, u.a. nach der Contergan Katastrophe, habe dazu geführt, dass viele heute genutzte Medikamente an Männern entwickelt worden seien und bei Frauen andere Wirksamkeit und Nebenwirkungen zeigten. So hätten Unterschiede in der Pharmakokinetik eines bekannten Schlafmittels bei Frauen zu mehr Unfällen durch die morgendliche Persistenz des Wirkstoffspiegels im Körper geführt und es sei erst nachträglich zu einer Dosisanpassung für Frauen bei der Verordnung gekommen.
Konsequenzen für Zukunft
In ihrem Fazit forderte die Referentin, Geschlecht und Gender in Prävention, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und in der Lehre verbindlich zu verankern, etwa durch angepasste Programme, bessere Aufklärung über geschlechtsspezifische Symptome und die verpflichtende Einbeziehung beider Geschlechter in Studien. Ziel sei eine passgenaue Medizin für jede Person, in der Geschlecht und Gender selbstverständliche, systematisch berücksichtigte Dimensionen der Gesundheitsversorgung seien.
In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von dem freien Journalisten Thomas Görger, vertraten Dr. med. Julia Tackenberg, niedergelassene Fachärztin für Allgemein- und Palliativmedizin aus Oberhausen, Uwe Henkelüdecke, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Geriatrie am AMEOS Klinikum St. Clemens Oberhausen und Thomas Bergmann, niedergelassener Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Oberhausen, die Ärztinnen und Ärzte aus dem ambulanten und stationären Bereich.
Sie arbeiteten unter anderem heraus, dass Medikamente bei Frauen und Männern aufgrund unterschiedlicher Pharmakokinetik und Enzymaktivität oft verschieden wirken und dosiert werden müssen. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass Forschung, Leitlinien und KI-Systeme bisher stark männlich orientiert seien und so Risiken für Frauen und andere Gruppen entstehen könnten. Aus den aktuellen Erkenntnissen der Gendermedizin leiteten sie die Forderung nach geschlechtersensibler Dosierung und nach einer Medizin ab, die nicht von einer "Einheitsdosis" ausgehen dürfe, sondern das biologische Geschlecht und weitere individuelle Faktoren systematisch berücksichtigen müsse.
Wie ein Diskussionsteilnehmer betonte, geben Leitlinien zwar Sicherheit und sind rechtlich sowie praktisch zentral, sollten aber nicht starr angewendet, sondern auf den individuellen Patienten beziehungsweise die individuelle Patientin "heruntergebrochen" werden; zugleich wurde gefordert, Leitlinien an neue geschlechtersensible Erkenntnisse anzupassen.
Die Podiumsteilnehmer kritisierten, dass viele vorklinische und klinische Studien lange überwiegend an männlichen Tieren und männlichen Probanden durchgeführt wurden. Dadurch könnten potenziell wirksame Substanzen für Frauen aussortiert werden oder zugelassene Medikamente bei Frauen vor allem Nebenwirkungen zeigen; insgesamt werde von einem "Gender Data Gap" gesprochen, weil weibliche Daten in vielen Datensätzen fehlten. Neue Medikamente würden inzwischen eher geschlechtersensibel geprüft, aber unzählige ältere Präparate nicht nachträglich neu getestet, da die dafür nötigen Studien extrem teuer und für die Industrie wirtschaftlich unattraktiv seien. Dieses Spannungsfeld aus Kosten, Zulassungsrecht und Patientensicherheit mache eine konsequente Auswertung vorhandener Daten nach Geschlecht besonders wichtig.
Diversitätsmedizin und Einfluss von KI
In Bezug auf den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) warnten die Ärztevertreter davor, dass algorithmische Systeme bestehende Verzerrungen reproduzierten, etwa wenn Männer bei Verdacht auf Herzinfarkt schneller zur Notaufnahme geschickt würden als Frauen und dass geschlechtersensible Versorgung nicht zuverlässig unterstützen könne, wenn weibliche Daten in Studien und Versorgungsdatensätzen fehlten.
Die Akteure des 14. Oberhausener Ärztetages benannten die "Diversitätsmedizin" als langfristiges Ziel: Neben Geschlecht sollten auch Alter, genetischer Hintergrund und andere Dimensionen von Vielfalt systematisch berücksichtigt werden, weil sich ihre Effekte überlagerten. Sie waren sich einig, dass ein wichtiger Ansatzpunkt für die weitere Verbesserung die medizinische Ausbildung sei: Gendermedizin solle zunächst fest im Studium verankert und anschließend in die klinische Praxis übertragen werden, um mit alle Fachkolleginnen und -kollegen auf diesem Weg mitzunehmen.




