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7. Aachener Psychosomatik-Tag

Mit Selbstoptimierung zur Sinnfindung?

Gruppenbild der Referenten beim Aachener Psychosomatik-Tag
Beleuchteten beim 7. Aachener Psychosomatik-Tag das Spannungsfeld zwischen Selbstoptimierung und Sinnsuche: Dr. med. Anna-Sophia Lemmen, Prof. Dr. med. Gerhard Gründer, Prof. Dr. med. Gabriele Lutz, Dr. med. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Dr. med. Freia Hahn, Prof. Dr. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Andreas Kruse, Dr. med. Catharina Jacobskötter, Dr. med, Ivo G. Grebe, Vorsitzender der Kreisstelle Stadtkreis Aachen und Mitglied der Initiative Psychosomatik-Tage Aachen (v.l.n.r.) © Dr. Ulrike Schaeben

Das diesjährige Symposium der Ärztekammer Nordrhein in Zusammenarbeit mit der „Initiative Psychosomatik-Tage Aachen“ Ende März ging der Frage nach, wie gesellschaftliche Krisen und allgegenwärtiger Selbstoptimierungsdruck psychische Gesundheit und Sinnempfinden belasten, aber auch Entwicklungschancen eröffnen. Die Vorträge beleuchteten dieses Spannungsfeld entlang der Lebensspanne des Menschen – von Kindheit und Jugend über das Erwachsenenalter bis hin zum hohen Alter und Lebensende. 

Dr. med. Freia Hahn, Chefärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LVR-Klinik Viersen, zeigte in ihrem Vortrag auf, wie Selbstoptimierungs- und Leistungsdruck in einem digital geprägten Umfeld Kinder und Jugendliche psychisch überfordern können – und welche Schutzfaktoren ihre gesunde Entwicklung stärken.
Prof. Dr. med. Gabriele Lutz, Professorin für Psychosomatische Medizin an der Universität Witten-Herdecke und Chefärztin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, erläuterte, wie Polykrisen und Selbstoptimierungswahn Sinnkrisen fördern, warum gelebter Sinn die Gesundheit schützt und wie Sinnfragen therapeutisch fruchtbar aufgegriffen werden können.

Prof. Dr. Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, diskutierte Grenzen reduktionistischer Hirn- und Hightech-Psychiatrie, plädierte für Lebensstil- und Kulturfaktoren als Quellen psychischer Gesundheit und forderte eine politisch aktive, salutogenetisch ausgerichtete Psychiatrie.
Dr. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Andreas Kruse, Direktor emeritus des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls- Universität Heidelberg, widmete sich abschließend der Bedeutung von existenziellen Fragen am Lebensende. Zahlreiche Studien und eigene Erfahrungen belegten eindrücklich, wie Sinn, Aufgabenorientierung und „Liebe zur Welt“ im hohen Alter psychische und körperliche Ressourcen stärken, den Umgang mit Vulnerabilität und Sterblichkeit erleichtern und gesellschaftliche Mitverantwortung stiften können.

Die Quintessenz lautete, dass Sinn eher aus Beziehungen, Engagement für andere, gelingender Lebensaufgabe und einem reflektierten Umgang mit Freiheit, Kultur, Sterblichkeit und Altern entsteht als aus perfektionistischer Selbstverbesserung.

In der Podiumsdiskussion leiteten die Referierenden daraus konkrete therapeutische, gesellschaftliche und politische Aufgaben ab und arbeiteten heraus, welche Ressourcen Ärztinnen und Ärzte im präventiven und therapeutischen Setting stärken können. Die insgesamt fast 600 Teilnehmenden des Hybridformats nahmen daraus viele konkrete Anregungen für ihren Arbeitsalltag mit.

Ein vertiefender Blick auf den Drahtseilakt der modernen Gesellschaft zwischen Selbstoptimierung und Sinnsuche findet sich in der März-Ausgabe des Rheinischen Ärzteblatts.

usa


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