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Arzneimittel im Wasser: Gefahr für Mensch und Tier

Fließendes Wasser
Röntgenkontrastmittel, Antibiotika und Schmerzmittel wie Diclofenac sind auch durch Kläranlagen kaum aus dem Wasser zu entfernen. Gleichzeitig wächst das Problem, denn durch den demografischen Wandel nimmt die Anzahl der älteren multimorbiden Patienten zu, die mehrere Wirkstoffe parallel einnehmen, ausscheiden und möglicherweise nicht fachgerecht entsorgen, wodurch diese in den Wasserkreislauf gelangen. © Matthias Buehner

Düsseldorf, 24.11.2022. Rund 400 verschiedene Arzneiwirkstoffe konnten in verschiedenen Forschungsprojekten im Wasser nachgewiesen werden – mit massiven Auswirkungen auf die Umwelt. So hätten Antiparasitika, die als Tierarznei abgegeben würden, für Dung-Insekten eine toxische Wirkung, erklärte Dr. rer. nat. Gerd Maack vom Fachgebiet Umweltbewertung Arzneimittel des Umweltbundesamtes in Dessau bei der Veranstaltung „Vom Patienten in den Fluss – Arzneimittelrückstände in der Umwelt und deren Vermeidung“, die die Ärztekammer Nordrhein am 23. November veranstalte. Endokrine Wirkstoffe greifen Maack zufolge in das Hormonsystem von Tieren ein und beeinflussen beispielsweise die Häutung und das Paarungsverhalten. Antidepressiva reicherten sich bei Fischen im Gehirn an und führten zu Verhaltensänderungen, während Schmerzmittel im Wasser bei vielen Tieren Organschäden hervorriefen.


Woher diese Arzneimittelwirkstoffe im Abwasser stammen, erklärte Professor rer. nat. Christian Peifer vom Pharmazeutischen Institut der Universität Kiel. Vor allem im Abwasser von Krankenhäusern und Privathaushalten sei ein Großteil der Medikamentenrückstände nachgewiesen worden. Die meisten Spurenstoffe der Arzneimittel aus den Haushalten stammten dabei von älteren Patienten, von denen manche zehn bis 15 Wirkstoffe parallel einnähmen. Knapp die Hälfte der Patienten entsorge nicht mehr benötigte flüssige Arzneimittel im Zuge einer gut gemeinten Mülltrennung in der Toilette, um anschließend die Fläschchen in den Glasmüll zu werfen.  


Auf die Bedeutung der „Vierten Reinigungsstufe“ in Klärwerken wies Dr. Ing. Issa Nafo von der Emschergenossenschaft/Lippeverband in Essen hin. Im Modell einer Kläranlage funktionere die erste Reinigungsstufe mechanisch, die zweite biologisch und die dritte chemisch. Bei der vierten Reinigungsstufe handle es sich um ein Verfahren, bei dem gezielt unerwünschte Stoffe eliminiert würden. Laut Nafo gibt es dabei sowohl die Möglichkeit, diese Stoffe mit Ozon unschädlich zu machen oder durch den Einsatz von Aktivkohle aus dem Wasser zu filtern.


Manche Stoffe, wie etwa Röntgenkontrastmittel ließen sich jedoch selbst mit der Vierten Reinigungsstufe nicht aus dem Wasser entfernen. Wie es sich vermeiden lässt, dass diese Mittel in den Wasserkreislauf gelangen, erklärte Dr. rer. nat. Gunther Speichert vom Fachgebiet Umweltbewertung Arzneimittel des Umweltbundesamtes in Dessau. Da Patientinnen und Patienten das Röntgenkontrastmittel nach der Behandlung mit dem Urin ausschieden, komme hier eine Urinseparation infrage. In einigen Krankenhäusern würden daher bereits Trockenurinale und Trenntoiletten erprobt. Für ambulante Patienten könnten zum Beispiel Urinbeutel genutzt werden, die dann im Hausmüll entsorgt würden.


Um Resistenzen zu verhindern, sprach sich Professor Dr. rer. nat. Michael Müller vom Institut für Pharmazeutischen Wissenschaften der Universität Freiburg für einen gewissenhaften und restriktiven Einsatz von Antibiotika aus und plädierte für eine nachhaltige Pharmazie als Zusammenspiel von Ökologie, Ökonomie und Bildung. Damit sich für die Pharmaunternehmen Investitionen in die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika lohnen, schlug Müller alternative Vergütungsanreize vor, die von der Menge abgekoppelt sind. In England erhielten Konzerne beispielsweise eine einmalige Abschlagszahlung für die Entwicklung neuer Antibiotika, unabhängig vom Umsatz.  

Gleich zu Beginn der Veranstaltung hatte Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, den Handlungsbedarf beim Thema Arzneimittelrückstände betont. Bereits 1995 habe er sich als neu gewählter Landtagsabgeordneter in einer kleinen Anfrage an die damalige NRW-Landesregierung gewendet, welche Empfehlungen es für Privatpersonen, Ärzte und Krankenhäuser gebe, um die Risiken zu minimieren. Es sei erschreckend, dass man immer noch keine effektive Lösung der Problematik entwickelt habe, sagte dazu Barbara vom Stein, Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein und Moderatorin der Veranstaltung.


Einen ausführlichen Bericht zur Veranstaltung lesen Sie in der Dezemberausgabe des Rheinischen Ärzteblatts.

MST

 


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