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Praxis

Plädoyer für mehr Geriatrie

21.05.2021 Seite 27
RAE Ausgabe 6/2021

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 6/2021

Seite 27

Diskutierten über Versorgungskonzepte für ältere Menschen: (v.r.) Dr. Frank Bergmann, Dr. Carsten König und der frühere SPD-Politiker Franz Müntefering © KV Nordrhein
Wie kann die Versorgung der wachsenden Zahl älterer Menschen auch in Zukunft gut gelingen? Zum Auftakt der Fortbildungsreihe „Der ältere Mensch“ diskutierten Experten unter anderem über den notwendigen Ausbau geriatrischer Kompetenzen und den Einsatz von Robotertechnologie in der Pflege.

von Andrea Kuppe

In Nordrhein-Westfalen wird „in den nächsten Jahrzehnten die Zahl der Älteren und Hochbetagten weiter zunehmen“, sagte Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄkNo), bei der Online-Auftaktveranstaltung zur neuen Fortbildungsreihe „Der ältere Mensch“ am 23. April 2021. Weil damit auch die Zahl älterer Menschen mit behandlungsbedürftigen chronischen Erkrankungen steigt, führt dies zu neuen Herausforderungen in der Versorgung. Bewältigen ließen sich diese beispielsweise durch eine bessere interdisziplinäre Zusammenarbeit, so Henke. Dr. Carsten König, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein (KVNO), appellierte an alle Haus- und Fachärzte, ihre geriatrischen Kenntnisse weiter auszubauen. Das sei auch deshalb nötig, weil immer mehr ältere Menschen im häuslichen Umfeld betreut, gepflegt und therapiert werden wollten, ergänzte KVNO-Chef Dr. Frank Bergmann. Dieser Trend führe zu einem großen Mehrbedarf an ambulanten Pflegekräften. Bergmann verwies in diesem Zusammenhang auf das Versorgungskonzept „Häusliche Pflege“ der KVNO und betonte: „Wir sollten keine Zeit verlieren und neue Strukturen auf den Weg bringen.“ 

Roboter für die Pflege?

Um die wachsende Lücke zwischen Angebot und Nachfrage beim professionellen Pflegepersonal zu schließen, sei es dringend notwendig, das Berufsfeld attraktiver zu gestalten. Das könne nur auf mehreren Wegen geschehen: Diskutiert wurden bessere Arbeitsbedingungen und mehr Entlastung, beispielsweise durch den ergänzenden Einsatz von Robotertechnologie in der Pflege. Bernd Zimmer, Hausarzt mit geriatrischem Schwerpunkt und ÄkNo-Vizepräsident, bekräftigte diesen Vorschlag: „Ganz sicher wird Pflege-Ausbildung künftig den Einsatz von Robotik berücksichtigen müssen, und das gilt sowohl für die körperlich entlastende wie auch für die kognitiv stimulierende Pflege.“

Was Roboter in der häuslichen Pflege und in Pflegeeinrichtungen leisten können, erläuterte Professor Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie in Heidelberg und Mitglied des Deutschen Ethikrats, in seinem Impulsvortrag. Bereits 2020 sei der Ethikrat nach Abwägung der Chancen und Risiken zu dem Schluss gekommen, dass die Robotertechnologie einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen und der Arbeitsqualität im Pflegebereich leisten könne. Kruse betonte aber auch: „Mit Blick auf soziale Beziehungen und auf Integration und Partizipation im Alltag kann die Robotertechnologie immer nur ein komplementäres, aber kein alternatives Instrument sein.“ Franz Müntefering, Ex-SPD-Politiker und seit einigen Jahren Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, mahnte ebenfalls: „Technologie ist für den Menschen da und darf kein Selbstzweck sein.“  

Pflegende Angehörige und Ehrenamt fördern 

Auf die zunehmende Einsamkeit älterer und pflegebedürftiger Menschen machte Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung sowie für Patientinnen und Patienten in Nordrhein-Westfalen, aufmerksam. Gerade in der Corona-Pandemie habe diese noch einmal deutlich zugenommen. Robotik könne zwar nicht die helfende Hand ersetzen, aber eine gewisse soziale Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben fördern. Stark machte sich die Landesbeauftragte zudem für mehr Förderung von pflegenden Angehörigen und Ehrenamtlern.

Die Fortbildungsreihe „Der ältere Mensch“ wurde von der KVNO, der ÄkNo, dem Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein und der nordrheinischen Akademie entwickelt. Im Turnus von sechs bis acht Wochen bieten die Kooperationspartner Informationsveranstaltungen zu einzelnen Aspekten der geriatrischen Versorgung an. Die nächste Online-Veranstaltung findet am 23. Juni zum Thema „Selbstbestimmung und Selbstständigkeit“ statt. 


Andrea Kuppe ist freiberufliche Medizinjournalistin und arbeitet für die KV Nordrhein.
 

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